Kurvenfahren ist die Königsdisziplin auf dem Motorrad. Hier kommen Physik und Kopf zusammen. Gute Kurventechnik beim Motorrad heißt nicht, möglichst viel Schräglage zu fahren. Es heißt, jede Kurve so anzugehen, dass du Reserven hast: beim Tempo, bei der Sicht und beim Grip. In diesem Artikel aus unserem Praxiswissen lernst du, wie du den Lenkimpuls einsetzt, welche Linie auf der Landstraße die sichere ist, wohin dein Blick gehört und was du tust, wenn du in der Kurve bremsen musst.
Der Lenkimpuls: der Schlüssel zur Schräglage
Ab etwa 20 bis 30 km/h fährt ein Motorrad stabil, ohne dass du balancieren musst. Kreiselkräfte der Räder und der Nachlauf halten es in der Spur. Um es aus diesem stabilen Zustand in die Schräglage zu bringen, brauchst du den Lenkimpuls (auch „Countersteering“ genannt).
So funktioniert der Lenkimpuls
Für eine Linkskurve drückst du den linken Lenkergriff leicht nach vorn, als würdest du nach rechts lenken. Das Vorderrad lenkt minimal nach rechts, und das Motorrad kippt kontrolliert nach links in die Schräglage. Merksatz: links drücken, links fahren. Rechts drücken, rechts fahren.
- Druckphase: ein kurzer, dosierter Impuls, um die Kurve einzuleiten. Je kräftiger der Druck, desto schneller kippt das Motorrad.
- Haltephase: Das Motorrad bleibt in der Schräglage. Mit leichtem Druck am kurveninneren Griff machst du den Radius enger, mit weniger Druck weiter.
- Stützgas: Leichtes, gleichmäßiges Gas stabilisiert das Fahrwerk und hält das Motorrad ruhig auf der Linie.
Viele Fahrer nutzen den Lenkimpuls, ohne es zu merken. Bewusst eingesetzt wird er zu deinem wichtigsten Werkzeug: Mit ihm korrigierst du auch mitten in der Kurve die Linie, etwa wenn ein Schlagloch oder Rollsplitt auftaucht.
Körperhaltung: Drücken, Legen oder Hängen
Wie du auf dem Motorrad sitzt, beeinflusst, wie viel Schräglage das Motorrad für dieselbe Kurve braucht. Für die Landstraße reichen drei Grundformen:
- Legen: Du und das Motorrad bilden eine Linie. Das ist die normale Haltung für flüssige Kurven.
- Drücken: Du bleibst eher aufrecht und drückst das Motorrad unter dir in die Schräglage. Das hilft in engen, langsamen Kurven und Kehren, weil du beweglich bleibst und die Sicht nach vorn behältst.
- Hängen: Du verlagerst den Oberkörper nach innen. Das Motorrad braucht dann weniger Schräglage. Übertriebenes Hanging-off gehört aber auf die Rennstrecke, nicht auf die Landstraße.
Wichtiger als jede Haltung ist ein lockerer Oberkörper. Wer die Arme durchstreckt und den Lenker festklammert, blockiert die Lenkung und macht das Motorrad unruhig. Knie an den Tank, Arme leicht angewinkelt, Hände locker.
Linienwahl auf der Landstraße: außen, außen, innen
Auf der Rennstrecke suchst du die schnellste Linie. Auf der Landstraße geht es um die sicherste Linie mit der größten Sichtweite. Sie soll dir am Kurvenausgang Platz lassen, falls die Kurve enger wird als gedacht oder dort etwas liegt. Im Straßenverkehr gelten die gesetzlichen Bestimmungen, du bleibst also immer in deiner Fahrspur.
Die drei Phasen der Kurve
- Vorbereitung (Anfahrt): Tempo vor der Kurve reduzieren und den passenden Gang wählen. Positioniere dich am äußeren Rand deiner Fahrspur, bei einer Rechtskurve also Richtung Mittellinie (mit Abstand zum Gegenverkehr), bei einer Linkskurve nahe am Fahrbahnrand.
- Einlenkpunkt: Bleib außen und lenk später ein, als es sich intuitiv richtig anfühlt. So siehst du weiter in die Kurve hinein. Der späte Einlenkpunkt führt automatisch zu einem späten Scheitelpunkt.
- Scheitelpunkt und Ausgang: Den Scheitelpunkt, also den Punkt, an dem du dem Kurveninneren am nächsten kommst, setzt du erst, wenn du den Kurvenausgang einsehen kannst. Danach richtest du das Motorrad auf und beschleunigst sanft hinaus.
Lenkst du zu früh ein, liegt der Scheitelpunkt zu früh. Dann trägt dich die Kurve am Ausgang nach außen: in Rechtskurven Richtung Gegenverkehr, in Linkskurven Richtung Fahrbahnrand. Genau das ist eines der typischen Unfallbilder bei Motorradunfällen auf der Landstraße.
Wichtig: Bleib in Linkskurven auch mit dem Oberkörper immer innerhalb deiner Fahrspur. Viele Unfälle passieren, weil der Kopf des Fahrers in Schräglage in den Gegenverkehr ragt, obwohl die Reifen noch auf der eigenen Spur sind.
Kurvenarten, die dich überraschen können
- Zumachende Kurven: Der Radius wird zum Ende hin enger. Wer früh einlenkt, hat hier keine Reserven mehr. Die späte Linie schützt dich.
- Kurvenkombinationen: Bei S-Kurven opferst du den Ausgang der ersten Kurve, um für die zweite richtig zu stehen.
- Kehren und Serpentinen: Langsam, weit außen anfahren, Blick über die Schulter in den Ausgang. Hier hilft die Drückhaltung, und ein leicht schleifender Kupplungsgriff kombiniert mit etwas Gas macht das Motorrad ruhiger.
- Nicht einsehbare Kuppen und Kurven: Fahr so, dass du innerhalb der Sichtweite anhalten kannst. Das ist nicht nur vernünftig, sondern auch Vorschrift.
Blickführung und Orientierungspunkte
Das Motorrad fährt dahin, wo du hinschaust. Für eine saubere Linie müssen deine Augen vorausarbeiten:
- Eingang: Such dir den Einlenkpunkt.
- In der Kurve: Der Blick geht schon zum Kurvenausgang, weit nach vorn. Dreh dafür den Kopf, nicht nur die Augen.
- Hindernisse: Rollsplitt oder Bitumen kurz wahrnehmen, aber nicht anstarren. Starrst du auf das Hindernis, fährst du oft genau darauf zu.
Ein guter Trick für nicht einsehbare Kurven ist der Fluchtpunkt: die Stelle, an der sich linker und rechter Fahrbahnrand in der Ferne scheinbar treffen. Wandert er von dir weg, öffnet sich die Kurve, und du kannst Gas geben. Kommt er auf dich zu oder bleibt stehen, wird die Kurve enger oder ist noch nicht zu Ende. Dann heißt es Tempo halten und nicht beschleunigen.
Bremsen in der Kurve: Was tun, wenn es eng wird?
Der Satz „In der Kurve darf man nicht bremsen“ hält sich hartnäckig, ist aber gefährlich. Wenn hinter der Kurve ein Traktor steht oder sich die Kurve zuzieht, musst du bremsen können. Wichtig ist, wie.
Leichte Korrektur: gefühlvoll vorne
Kleine Tempokorrekturen machst du am besten mit der Vorderradbremse, gefühlvoll und nie ruckartig. Sie lässt sich mit der Hand viel feiner dosieren als die Hinterradbremse mit dem Fuß. Durch die Verzögerung wandert Gewicht aufs Vorderrad, das bringt zusätzlichen Grip.
Das Aufstellmoment
Bremst du in Schräglage vorne, will sich das Motorrad aufrichten und nach außen fahren. Dieses Aufstellmoment ist umso stärker, je kräftiger du bremst, je breiter der Vorderreifen ist und je mehr Schräglage du hast. Willst du trotzdem auf der Linie bleiben, hältst du mit kräftigem Druck am kurveninneren Lenkerende dagegen, also mit dem Lenkimpuls.
Schreckbremsung in der Kurve
- Gas zu und die Vorderradbremse gefühlvoll, aber kräftig anlegen.
- Musst du der Kurve weiter folgen, hält Druck am kurveninneren Griff das Motorrad in der Spur. In Rechtskurven bleibst du so auch vom Gegenverkehr weg.
- Hast du geradeaus genug Platz und keinen Gegenverkehr, kannst du das Motorrad mit einem kurzen Lenkimpuls aufrichten und aufrecht zum Stehen bremsen.
- Die Hinterradbremse meidest du bei der Schreckbremsung in Schräglage. Weil ein Teil der Haftung für die Seitenführung gebraucht wird und das Heck beim Bremsen leichter wird, kann das Hinterrad schlagartig wegrutschen.
Kurven-ABS hilft, ersetzt aber kein Können
Viele neuere Motorräder haben ein Kurven-ABS (auch Schräglagen-ABS genannt). Es erkennt über Sensoren die Schräglage und passt den Bremsdruck an, damit die Räder auch in der Kurve nicht blockieren. Manche Systeme verteilen den Bremsdruck zusätzlich zwischen vorne und hinten, um das Aufstellmoment zu verringern. Das ist ein großer Sicherheitsgewinn. Die Physik hebt es aber nicht auf: Wer zu schnell in eine Kurve fährt, hat auch mit Kurven-ABS nur begrenzt Grip.
Die häufigsten Fehler in Kurven
- Zu schnell in die Kurve: Tempo gehört vor die Kurve abgebaut. Langsam rein, zügig raus.
- Zu früh eingelenkt: führt zum frühen Scheitelpunkt und zum Weg nach außen am Ausgang.
- Gas zu in Schräglage: Schlagartiges Gasschließen belastet das Vorderrad und macht das Motorrad unruhig. Besser ist gleichmäßiges Stützgas.
- Blick aufs Hindernis: Du fährst dahin, wo du hinschaust.
- Verkrampfter Oberkörper: Steife Arme blockieren den Lenkimpuls.
- Kalte Reifen und nasser Asphalt unterschätzt: Auf den ersten Kilometern, bei Nässe, Laub oder Fahrbahnmarkierungen hast du deutlich weniger Grip.
So übst du Kurventechnik
Kurventechnik lernst du nicht aus einem Artikel, sondern durch Wiederholung. Ein paar Übungen, die du auf einem leeren Parkplatz oder einer ruhigen Strecke machen kannst:
- Lenkimpuls bewusst spüren: Bei etwa 40 km/h geradeaus kurz links und rechts drücken und beobachten, wie das Motorrad reagiert.
- Blick trainieren: Auf bekannten Strecken den Blick bewusst früh zum Ausgang nehmen und den Kopf mitdrehen.
- Linie ansagen: Sag dir auf einer Tour im Kopf vor jeder Kurve „außen, spät, innen“. Nach ein paar hundert Kurven sitzt das.
- Bremsen in Schräglage übst du am besten unter Anleitung in einem Fahrsicherheitstraining. Dort kannst du dich in einem sicheren Rahmen an die Grenze herantasten.
Kurz zusammengefasst
Gute Kurventechnik steht auf vier Beinen: Tempo vor der Kurve abbauen, mit dem Lenkimpuls sauber einlenken, außen anfahren und spät einlenken, und den Blick immer zum Ausgang richten. Wenn es trotzdem eng wird, bremst du gefühlvoll vorne und hältst mit Druck am inneren Griff die Linie. Das alles zusammen ist ein ziemlich komplexer Vorgang, der Aufmerksamkeit und Übung braucht.
Wir empfehlen dir ein Fahrsicherheitstraining, bevor du das Gelernte an der Grenze ausprobierst. Wenn du Fragen zum Artikel hast oder mehr wissen willst, schreib uns über die Community-Seite. Gute und sichere Fahrt.
Häufige Fragen
Wie leite ich mit dem Motorrad eine Linkskurve ein?
Mit einem Lenkimpuls: Du drückst den linken Lenkergriff leicht nach vorn. Das Motorrad kippt dann kontrolliert nach links in die Schräglage.
Welche Linie ist auf der Landstraße die richtige?
Die mit der größten Sichtweite: außen anfahren, spät einlenken und den Scheitelpunkt erst setzen, wenn du den Kurvenausgang siehst.
Wohin soll ich in der Kurve schauen?
Weit voraus zum Kurvenausgang und den Kopf mitdrehen. Hindernisse wie Rollsplitt nimmst du nur kurz wahr, ohne sie anzustarren.
Darf ich in der Kurve bremsen?
Ja, und im Notfall musst du es sogar. Nimm dafür gefühlvoll die Vorderradbremse. Das Motorrad richtet sich dabei auf. Mit Druck am kurveninneren Lenkerende bleibst du auf der Linie. Die Hinterradbremse meidest du bei einer Schreckbremsung in Schräglage.
Was bringt ein Kurven-ABS?
Es verhindert, dass die Räder beim Bremsen in Schräglage blockieren, und dämpft bei manchen Systemen auch das Aufstellmoment. Es erweitert deine Reserven, hebt die Physik aber nicht auf.
Quellen
- Richtig Kurvenfahren: der Lenkimpuls (Motorradonline)
- Sicht, Schwung und Sicherheit: die optimale Kurvenlinie (Motorradonline)
- Schreckbremsung in der Kurve (Institut für Zweiradsicherheit)
- ADAC-Tipp: Bremsen in Schräglage (Kradblatt)
- Bremsen in Schräglage mit Kurven-ABS (Motorradonline)
- Motorrad-Kurven-Training (ADAC)
- Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR): Motorrad-Sicherheitstrainings
Stand: September 2026. Fahrtechnik aus einem Artikel ersetzt kein Training unter Anleitung.