Der Motor brummt, die nächste Passstraße wartet, und hinten sitzt heute jemand mit drauf. Sobald du zu zweit fährst, verändert sich das Motorrad spürbar. Ein Moment wird dabei oft unterschätzt, obwohl die Tour genau damit beginnt: das richtige Aufsteigen aufs Motorrad als Fahrer und Beifahrer. Wer es falsch macht, liegt mit dem Motorrad schnell auf der Seite, bevor es überhaupt losgeht.
Hier erfährst du, wie ihr als Fahrer und Beifahrer (Sozius) von Anfang an ein eingespieltes Team seid. Es geht um das Fahrwerk, um Vertrauen und um ein paar Kniffe, die bei jeder Motorradart funktionieren.
Vertrauen zwischen Fahrer und Beifahrer
Wer hinten aufsteigt, gibt die Kontrolle ab. Wer vorne sitzt, trägt Verantwortung für einen zweiten Menschen. Das Aufsteigen ist der erste Moment, in dem ihr beide körperlich zusammenarbeiten müsst. Steht der Fahrer wackelig oder klettert der Beifahrer hektisch drauf, schießt sofort Adrenalin hoch, und zwar die unangenehme Sorte.
Erfahrene Instruktoren kennen das: Fühlt sich der Beifahrer unsicher, verkrampft er in der ersten Kurve. Das bringt die Gewichtsverteilung durcheinander und macht das Motorrad unhandlich. Ein ruhiger, sauberer Aufstieg sagt dagegen: „Ich hab uns im Griff. Wir sind sicher.“ Deshalb gilt: Redet vorher miteinander.
Technik-Check: Fahrwerk für den Beifahrer einstellen
Ein Motorrad ist ein fein abgestimmtes System. Ein Sozius verschiebt den Schwerpunkt deutlich nach hinten und oben. Passt du nichts an, fährt sich das Motorrad im schlimmsten Fall gefährlich.
Die Geometrie verstehen
Sinkt das Heck durch das Gewicht des Sozius zu tief ein, wird der Nachlauf der Gabel größer. Das Motorrad wird unhandlich, reagiert träge auf Lenkimpulse und schiebt in Schräglage über das Vorderrad nach außen. Es „will nicht in die Kurve“.
- Federvorspannung (Preload): Dreh die Vorspannung am hinteren Federbein hoch. Damit kommt das Heck wieder auf das Niveau wie im Solobetrieb. So bleibt der Federweg fürs Federn übrig, statt schon im Stand aufgebraucht zu sein.
- Reifendruck (sicherheitsrelevant): Mit Beladung walkt der Reifen stärker, und das kann ihn extrem aufheizen. Erhöh den Druck deshalb nach Herstellerangabe für Soziusbetrieb (steht in der Bedienungsanleitung, oft auch auf einem Aufkleber an Schwinge oder Kettenschutz). Der ADAC nennt als Faustregel mindestens 0,2 bar mehr als solo. Den auf der Reifenflanke angegebenen Maximaldruck solltest du dabei nicht ausreizen.
- Dämpfung: Ist dein Fahrwerk einstellbar, empfiehlt auch der ADAC, die Dämpfung zu erhöhen, vor allem die Zugstufe. Dann schwingt das Motorrad nach Bodenwellen nicht wie ein Flummi nach. Orientier dich an den Werten in der Bedienungsanleitung.
Die Rolle des Fahrers beim Aufsteigen: stabil wie ein Fels
- Untergrund checken: Stell dich zum Aufsteigen nie auf abschüssigen Boden oder losen Rollsplitt.
- Sicherer Stand: Stell beide Füße schulterbreit und flach auf den Boden. Lass die Knie nicht einknicken, sondern halt sie stabil.
- Vorderbremse: Zieh die Bremse fest. So kann das Motorrad weder vor noch zurück rollen. Das ist besonders wichtig, wenn der Beifahrer über die Fußraste aufsteigt.
- Das Kommando: Gib ein klares Zeichen. Ein Nicken reicht oft nicht, wenn der Beifahrer schon den Helm aufhat. Ein lautes „Bereit!“ ist sicherer.
Als Beifahrer richtig aufs Motorrad aufsteigen
Als Beifahrer bewegst du dich am besten so, als wärst du Teil der Maschine. Ziel ist, den Schwerpunkt des Motorrads beim Aufsteigen so wenig wie möglich zur Seite zu verschieben.
Schritt für Schritt
- Von links aufsteigen: Geh immer von der linken Seite ans Motorrad.
- Abstützen: Leg die linke Hand auf die Schulter des Fahrers. Drück dich nach oben, statt dich am Fahrer festzuhalten und ihn zu dir herüberzuziehen.
- Die Fußraste als Stufe: Setz den linken Fußballen auf die Raste und drück dich senkrecht nach oben. Bleib dabei mit dem Körper so nah wie möglich am Motorrad.
- Bein schwingen: Schwing das rechte Bein in einem weiten Bogen über das Heck. Achte auf Koffer oder Gepäckrollen.
- Sanft hinsetzen: Setz dich ruhig ab. Wer sich einfach auf die Sitzbank plumpsen lässt, kann den Fahrer aus dem Gleichgewicht bringen.
Sonderfälle: Reiseenduros und hohes Gepäck
Bei einer voll beladenen Reiseenduro (zum Beispiel einer BMW GS mit Alukoffern) klappt der normale Beinschwung nicht. Hier muss der Beifahrer regelrecht klettern. Er steht dann mit seinem ganzen Gewicht auf der linken Raste, während das Motorrad noch auf dem Seitenständer steht oder vom Fahrer mit voller Kraft gehalten wird. Das belastet das Material (vor allem die Seitenständeraufnahme) und verlangt vom Fahrer volle Konzentration, weil das Motorrad beim Aufsteigen einen Ruck nach links macht.
Harmonie während der Fahrt: Blick und Balance
Sobald ihr losfahrt, entscheidet die Blicktechnik des Beifahrers mit über die Sicherheit.
Die Spiegelbild-Regel: Als Beifahrer versuchst du nie, aktiv mitzulenken oder, noch schlimmer, gegen die Schräglage zu drücken. Schau dem Fahrer einfach über die kurveninnere Schulter. Geht es nach rechts, schaust du rechts am Helm vorbei. So nimmst du automatisch die richtige Neigung ein, ohne darüber nachzudenken.
Kein Helm-Billard: Nichts nervt den Fahrer mehr, als wenn beim Bremsen der Helm von hinten anklopft. Spann als Beifahrer beim Bremsen die Rumpfmuskeln an und stütz dich, falls möglich, mit den Händen am Tank ab, so rät es auch der ADAC. Beim Beschleunigen hältst du dich am besten an der Taille des Fahrers oder an den Haltegriffen fest. Denk außerdem daran: Zu zweit wird der Bremsweg deutlich länger.
Hörversion verfügbar
Diesen Artikel kannst du dir auch anhören, zum Beispiel unterwegs oder auf einer langen Tour. Klick einfach unten auf den Player.
Kurz zusammengefasst
Zu zweit Motorrad fahren braucht Vertrauen, die passende Technik und ein bisschen Vorbereitung. Wenn du die Tipps oben umsetzt, wird aus einem wackeligen Start ein ruhiger, fließender Ablauf. Mit einem Menschen, den du magst, zusammen durch die Kurven zu fahren, gehört zu den schönsten Seiten des Motorradfahrens. Vorausgesetzt, ihr beherrscht das Handwerk.
Stell dein Motorrad richtig ein, sprecht euch ab und dann ab in die Kurven.
Häufige Fragen
Von welcher Seite steigt der Beifahrer aufs Motorrad?
Immer von links. Der Beifahrer stützt sich mit der linken Hand auf der Schulter des Fahrers ab und steigt über die linke Fußraste auf.
Was muss der Fahrer beim Aufsteigen des Beifahrers tun?
Auf ebenem, festem Untergrund stehen, beide Füße flach auf den Boden stellen, die Vorderbremse fest ziehen und ein klares Kommando wie „Bereit!“ geben.
Muss ich mit Beifahrer das Fahrwerk anpassen?
Ja. Erhöh hinten die Federvorspannung, erhöh den Reifendruck nach Herstellerangabe für Soziusbetrieb (Faustregel laut ADAC: mindestens 0,2 bar mehr) und erhöh bei einstellbarem Fahrwerk die Dämpfung.
Wie verhält sich der Beifahrer in Kurven?
Nicht mitlenken und nicht gegen die Schräglage drücken. Einfach über die kurveninnere Schulter des Fahrers schauen, dann passt die Neigung automatisch.
Quellen
- Motorradfahren mit Sozius (ADAC)
- Tipps für sicheres Fahren mit Sozius (R+V)
- Motorrad-Beifahrer: Verhalten und Tipps (Verti)
Stand: September 2026.