Stell dir vor, du fährst mit 100 km/h über die Landstraße. Zwischen dir und dem Asphalt liegt oft nur gut ein Millimeter Material. In diesem Moment ist deine Motorradbekleidung kein Modeteil mehr, sondern deine Lebensversicherung. Genau deshalb lohnt sich ein bisschen Materialkunde, bevor du die nächste Jacke oder Hose kaufst.
Die Technik hinter der Ausrüstung hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Heute geht es nicht mehr nur um „einfaches Leder“, sondern um Schutzschichten auf Molekülebene, Airbags mit eigener Sensorik und Hochleistungsfasern, die ursprünglich für Industrie und Schutzausrüstung entwickelt wurden. Damit du beim Kauf nicht im Marketing-Dschungel der Hersteller untergehst, habe ich dir hier alles Wichtige zusammengestellt. Keine Sorge: So technisch, wie es gerade klingt, wird es nicht.
1. Leder: das Ur-Material, technisch aufgerüstet
Für viele von uns ist Leder immer noch die erste Wahl. Der Grund: Die Natur hat hier eine Faserstruktur geschaffen, die sich im Labor kaum nachbauen lässt. Die Kollagenfasern sind dreidimensional miteinander vernetzt und behalten ihre Struktur auch bei starker Reibungshitze.
Welche Lederart passt zu dir?
Jedes Tier liefert ein etwas anderes Schutzpaket. Hier der Überblick:
Rindsleder: Der Klassiker. Mit 1,1 bis 1,4 mm Stärke bietet es sehr guten Abriebschutz. Es ist robust, hält lange und passt sich mit der Zeit deiner Körperform an. Das ist wichtiger, als es klingt, denn so bleiben deine Protektoren an Ort und Stelle.
Känguruleder: Die Premium-Wahl aus dem Rennsport. Die Fasern liegen dichter und verlaufen parallel zur Oberfläche. Deshalb erreicht es bei nur 0,8 bis 1,1 mm Dicke die gleiche oder sogar höhere Reißfestigkeit als dickes Rindsleder. Eine Känguru-Kombi ist deshalb spürbar leichter als eine vergleichbare aus Rindsleder.
Ziegenleder: Suchst du Handschuhe mit gutem Gefühl für Gas und Bremse, bist du hier richtig. Ziegenleder ist dünn und leicht, aber trotzdem erstaunlich reißfest.
Büffelleder: Für den Vintage-Look. Es ist grobporiger und bekommt schneller eine schöne Patina. Beim Abrieb liegt es fast auf Rind-Niveau, ist aber oft etwas steifer.
Der TFL Cool-System™ Effekt
Schwarzes Leder in der prallen Sonne fühlt sich schnell an wie eine Mikrowelle. Die TFL-Technologie setzt genau da an. Spezielle Pigmente im Leder reflektieren laut Hersteller 60 % und mehr der Infrarotstrahlung. In Motorradjacken soll es dadurch um 20 °C und mehr kühler bleiben. Das sind Herstellerangaben, in der Praxis dürften die Werte etwas abweichen.
Wichtig für dich: Pflege Cool-Leder nur mit farblosen Mitteln. Normale Schuhcreme verstopft die Pigmente, und der Effekt ist weg.
2. Textilien: die Zahlen hinter deiner Jacke
Textilbekleidung ist heute oft genauso sicher wie Leder und dabei deutlich vielseitiger. Damit du weißt, was „600D“ oder „1000D“ auf dem Etikett bedeutet, hier ein kurzer Ausflug in die Textil-Mathematik:
Denier (D): Diese Einheit beschreibt das Gewicht eines Garns. 1 Denier heißt: 9.000 Meter Faden wiegen genau 1 Gramm. Eine Jacke aus 1000 D Cordura besteht also aus deutlich dickeren, schwereren Fäden als eine City-Jacke mit 300 D.
Tex / Decitex (dtex): Das ist die ISO-Norm. 1 tex entspricht 1 Gramm pro 1.000 Meter. Merk dir einfach: 1 tex = 9 Denier.
Faustregel für deine Sicherheit: Material unter 500 D hat in Sturzzonen wie Ellbogen und Schulter nichts verloren. Dort sollten es mindestens 1.000 D sein oder Spezialfasern wie Dyneema.
3. Materialkunde Motorradbekleidung: die wichtigsten Markenstoffe
Warum kostet eine Motorradjeans 100 € und die andere 400 €? Und warum schützen manche dünnen Jacken besser als ein dicker Lederpanzer? Die Antwort steckt im Kleingedruckten, genauer gesagt in den Markennamen der Technologien.
Hier kommt das „Alphabet der Sicherheit“: die Stoffe, die im Ernstfall zwischen dir und dem Asphalt liegen.
3M™ Scotchlite™
So funktioniert es: Das Prinzip heißt Retroreflexion. Ein Spiegel wirft Licht im Einfallswinkel zurück. Bei Scotchlite schicken Millionen winziger, einseitig verspiegelter Glaskugeln das Licht dagegen fast genau in die Richtung zurück, aus der es kam. Heißt: Wer hinter der Lichtquelle sitzt, also der Autofahrer, sieht dich extrem hell leuchten.
Wofür: Maximale Sichtbarkeit in der Dämmerung und nachts, ohne dass die Jacke tagsüber wie eine Warnweste aussieht.
Beispiel: Die schmalen silbernen Streifen an den Ärmeln deiner Tourenjacke oder reflektierende Logos auf den Stiefeln.
3M™ Thinsulate™
So funktioniert es: Die Fasern sind nur etwa 15 Mikrometer dünn, deutlich dünner als die Polyesterfasern klassischer Füllungen und nur ein Bruchteil eines menschlichen Haars. Dadurch haben sie viel mehr Oberfläche und halten mehr Luft fest. Luft leitet Wärme schlecht, also isoliert dieses Polster sehr gut.
Wofür: Wärmeisolierung bei wenig Volumen. Ideal, wenn du trotz Kälte noch Gefühl in den Fingern brauchst.
Beispiel: Winterhandschuhe, die nicht so klobig sind wie Skihandschuhe, damit du Blinker und Bremse noch sauber bedienen kannst.
Outlast® (Phase-Change-Material)
So funktioniert es: Im Futter stecken Mikrokapseln (Thermocules™) mit einem Spezialwachs. Steigt deine Hauttemperatur, nimmt das Wachs die Energie auf, wird flüssig und speichert die Wärme (latente Wärme). Kühlst du ab, wird es wieder fest und gibt die Energie zurück.
Wofür: Gegen Temperaturspitzen. Outlast heizt nicht, es puffert.
Beispiel: Innenfutter hochwertiger Motorradjacken. Du schwitzt an der Ampel weniger und frierst danach auf der Landstraße nicht so schnell.
CoolMax® / X-Static®
So funktioniert es: CoolMax-Fasern haben vier Kanäle, die Feuchtigkeit per Kapillarwirkung nach außen ziehen. X-Static ist eine Faser mit einer dauerhaften Schicht aus reinem Silber. Silber ionisiert bei Feuchtigkeit und tötet geruchsbildende Bakterien ab.
Wofür: Feuchtigkeitstransport und Hygiene.
Beispiel: Funktionsunterwäsche oder das Helmfutter (X-Static), damit der Helm nach einer Saison nicht muffig riecht.
4. Abriebfestigkeit und Textiltechnik
Das ist deine zweite Haut, wenn du über den Asphalt rutschst. Mit den richtigen Materialien kommst du bei einem Motorradsturz mit deutlich weniger Verletzungen davon.
Aramid (Kevlar®, Twaron®, Pekev®)
So funktioniert es: Aramide sind aromatische Polyamide mit sehr fest verbundenen Molekülketten. Aramid ist schwer entflammbar, schmilzt nicht (es zersetzt sich erst bei sehr hohen Temperaturen) und ist sehr reißfest. Einen Haken gibt es: Es ist UV-empfindlich.
Wofür: Hitzeschutz und Reißfestigkeit beim Sturz.
Beispiel: Die gelben Verstärkungen innen in Motorradjeans an Knien und Gesäß.
Dyneema® / UHMWPE
So funktioniert es: Ultrahochmolekulares Polyethylen mit extrem langen Molekülketten. Bezogen aufs Gewicht ist es laut Hersteller bis zu 15-mal stärker als Stahl. Gegenüber Aramid fühlt es sich kühler und weicher auf der Haut an und ist schnittfester. Der Haken: Es schmilzt schon bei etwa 130 bis 150 °C, deshalb kommt es auf eine geprüfte Verarbeitung an.
Wofür: Hochleistungs-Denim für „Single-Layer“-Hosen.
Beispiel: Eine Motorradjeans mit nur einer Stofflage, die trotzdem eine CE-Zertifizierung nach EN 17092 schafft.
Armacor™ (z. B. in GORE-TEX Pro)
So funktioniert es: Armacor ist ein Mischgewebe aus Cordura-Nylon und sehr reißfesten Kevlar-Fasern. In hochwertigen Anzügen wird es als Obermaterial in einem 3-Lagen-Laminat verarbeitet, zum Beispiel mit einer Gore-Tex-Pro-Membran direkt darunter.
Wofür: Die Rüstung für Weltreisende. Wasserdicht und sehr abriebfest.
Beispiel: Schulter- und Ellbogenpartien von High-End-Tourenanzügen.
Cordura® / Cordura Denim®
So funktioniert es: Lufttexturiertes Nylon 6.6. Die Fasern werden beim Spinnen absichtlich etwas „verrupft“, dadurch wird die Oberfläche rauer. Das erhöht den Reibungswiderstand im Vergleich zu normalem Polyester deutlich.
Wofür: Standardmaterial für fast alle Textilkombis.
Beispiel: Der Grundstoff deiner Einsteiger-Textiljacke. Cordura Denim wird in Jeans eingewebt, damit sie nach Jeans aussieht und trotzdem schützt.
5. Leder und Spezial-Hybride
Anilinleder vs. Teil-Anilin
So funktioniert es: Anilinleder wird im Fass durchgefärbt, bekommt aber keine deckende Pigmentschicht. Die Poren bleiben offen. Es ist das weichste und hochwertigste Leder, zieht aber sofort Wasser.
Wofür: Optik und Tragekomfort.
Beispiel: Stylische Retro-Lederjacken für Chopper- oder Scrambler-Fahrer.
Corium+® Platinum
So funktioniert es: Ein Laminat von Rukka aus perforiertem Leder, wasserdichter Membran und leichtem Futter. Normales Leder saugt sich bei Regen voll und wiegt dann doppelt so viel. Hier perlt das Wasser ab, und Schweiß entweicht durch die Perforation.
Wofür: Lederbekleidung fürs ganze Jahr.
Beispiel: High-End-Lederkombis für Tourenfahrer, die Leder mögen, aber keine Regenjacke drüberziehen wollen.
Matryx®
So funktioniert es: Ein technisches Gewebe des französischen Herstellers Chamatex, bei dem Hochleistungsfäden (unter anderem Aramid) einzeln beschichtet und dann zu einer Matrix verwoben werden. Es ist sehr dünn, luftig und trotzdem strapazierfähig.
Wofür: Viel Belüftung bei hoher Sicherheit.
Beispiel: Belüftungseinsätze leichter Handschuhe, etwa bei Alpinestars, und viele Trailrunning-Schuhe.
6. Aufprallschutz: Protektoren
Hier wird die Bewegungsenergie abgebaut, damit deine Knochen heil bleiben.
D3O® und SAS-TEC®
So funktioniert es: Diese Materialien nutzen nicht-newtonsches Verhalten. Im Normalzustand sind die Moleküle im Polymer beweglich, der Protektor ist weich. Bei einem schnellen Schlag verhaken sie sich sofort zu einer starren Struktur.
- Unterschiede:
- D3O: Bekannt für orangefarbene, sehr flache Protektoren. Gut für „unsichtbaren“ Schutz in Streetwear.
SAS-TEC: Ein viskoelastischer Schaum (meist gelb), der nach einem Schlag wieder in seine Form zurückgeht, also mehrfach schützt. Laut Hersteller bleibt die Dämpfung auch bei Hitze und Kälte relativ stabil.
Wofür: Gelenkschutz an Schulter, Knie und Ellbogen sowie Rückenprotektoren.
Beispiel: Tausch die harten Plastikschalen deiner alten Jacke gegen SAS-TEC-Protektoren mit Level 2. Den Komfortunterschied merkst du sofort.
SuperFabric®
So funktioniert es: Auf ein Trägermaterial werden kleine, sehr harte Epoxidharz-Plättchen („Guard Plates“) aufgebracht. Weil zwischen den Plättchen Platz bleibt, ist der Stoff flexibel. Rutschst du über den Asphalt, gleitest du auf diesen Plättchen wie auf kleinen Kufen, statt dass der Stoff aufreißt.
Wofür: Schutz an Stellen mit viel Reibungshitze und Abrieb.
Beispiel: Die Verstärkung am Handballen von Rennsporthandschuhen.
7. Klimamembranen: so bleibst du trocken
Damit du bei Regen trocken bleibst, aber nicht im eigenen Saft schmorst, braucht deine Kleidung eine Membran. Dahinter stecken zwei physikalische Prinzipien:
Mikroporöse Membranen
Stell dir ein Netz mit Milliarden Poren vor. Laut Gore ist bei der Gore-Tex-Membran jede Pore 20.000-mal kleiner als ein Wassertropfen, aber 700-mal größer als ein Wasserdampfmolekül. Regen kommt also nicht rein, dein Schweiß kann aber als Dampf raus.
Zusatzinfo: Es gibt inzwischen ePE-Membranen (expandiertes Polyethylen), die ohne bewusst zugesetzte PFAS-Chemikalien auskommen.
Hydrophile Membranen
Diese Membranen haben keine Löcher. Die Feuchtigkeit wird chemisch über Molekülketten transportiert, die sie aufnehmen und nach außen weitergeben. Der Vorteil: Ohne Poren kann auch nichts durch Schweißsalze oder Waschmittel verstopfen. Außerdem sind sie laut Herstellern zu 100 % recycelbar.
Wassersäule: wie dicht ist deine Motorradbekleidung?
Die Wassersäule sagt dir, wie viel Wasserdruck ein Material aushält, bevor der erste Tropfen durchkommt.
So wird gemessen
Das Material wird unter einen Zylinder gespannt, der mit Wasser gefüllt wird. Die Angabe in Millimetern zeigt, wie hoch das Wasser im Rohr stehen kann, bevor es durch den Stoff drückt.
Normalo-Standard, 1.500 bis 5.000 mm: Nach europäischer Norm gilt ein Stoff oft schon ab 1.300 mm als wasserdicht. Das reicht für ein Zelt oder die Regenjacke beim Gassigehen.
Motorrad-Minimum, 10.000 mm: Weniger sollte es nicht sein. Der Fahrtwind erzeugt einen enormen Staudruck. Bei 100 km/h trifft das Wasser deine Kleidung wie ein kleiner Hochdruckreiniger.
Premium-Klasse, 20.000 mm und mehr: Hochwertige Membranen von Marken wie GORE-TEX® oder Sympatex® liegen meist in diesem Bereich, für Gore-Tex werden oft 28.000 mm genannt.
Beispiel: Setzt du dich auf eine nasse Sitzbank, drückt dein ganzes Körpergewicht auf eine kleine Fläche. Dieser punktuelle Druck kann locker über 10.000 mm liegen. Nur mit einer sehr hohen Wassersäule bleibt dein Hintern trocken.
Wichtig: Die beste Wassersäule bringt nichts, wenn die Nähte nicht versiegelt sind. Achte beim Kauf immer auf „getapete Nähte“.
8. Der RET-Wert: wie atmungsaktiv ist das Material?
Was nützt dir eine Jacke, die keinen Regen reinlässt, wenn du darin von innen durch deinen Schweiß klatschnass wirst? Das ist der berüchtigte Plastiktüten-Effekt.
Was dahintersteckt
RET steht für Resistance to Evaporative Heat Transfer. Der Wert misst, wie viel Widerstand ein Stoff dem Wasserdampf, also deinem Schweiß, entgegensetzt. Je kleiner die Zahl, desto besser.
RET 0–6 (extrem atmungsaktiv): Die Champions League. Auch bei Anstrengung, etwa offroad oder im Stop-and-go in der Stadt, wird der Schweiß zügig nach außen geleitet. Du fühlst dich trocken.
RET 6–13 (sehr atmungsaktiv): Standard bei guter Tourenbekleidung. Für normales Fahren auf der Landstraße reicht das völlig.
RET 13–20 (zufriedenstellend): Bei Hitze oder Anstrengung merkst du deutlich, dass es unter der Jacke feucht wird.
RET über 20 (nicht empfehlenswert): Das Material wirkt wie eine Sperre. Der Schweiß kondensiert innen, und sobald es kühler wird, fängst du wegen der feuchten Haut an zu frieren.
So findest du den RET-Wert: Leider steht er, anders als die Wassersäule, fast nie groß auf dem Etikett. Hersteller schreiben lieber schwammige Begriffe wie „hochgradig atmungsaktiv“. Mit etwas Recherche kommst du trotzdem an die Zahl.
So gehst du vor:
Große Marken haben auf ihren Websites oft ausführliche Produktbeschreibungen. Schau nicht nur auf die Shop-Seite, sondern lade dir, falls vorhanden, das Technical Manual oder Produktdatenblatt als PDF herunter. Dort stehen oft die Messwerte. Im Zweifel fragst du direkt beim Hersteller nach, der hat die Daten auf jeden Fall.
9. Warum dicht und atmungsaktiv zusammen so teuer ist
Die Schwierigkeit: Man braucht ein Material mit Löchern, die klein genug sind, um Wassertropfen draußen zu halten (Wassersäule), und gleichzeitig groß genug, um Wasserdampfmoleküle rauszulassen (RET).
Ein Wassertropfen ist um ein Vielfaches größer als ein Wasserdampfmolekül (siehe oben: Poren 20.000-mal kleiner als ein Tropfen, aber 700-mal größer als ein Dampfmolekül).
Günstige Membranen sind oft einfach nur dicht. Hohe Wassersäule, schlechter RET-Wert. Von außen bleibst du trocken, von innen wirst du nass.
High-End-Laminate: Hier ist die Membran direkt mit dem Außenstoff verschweißt. Das bringt einen sehr niedrigen RET-Wert und eine maximale Wassersäule. Außerdem saugt sich der Außenstoff nicht voll, und du kühlst nicht durch Verdunstungskälte aus.
Checkliste für deinen nächsten Kauf
| Einsatzzweck | Empfohlene Wassersäule | Empfohlener RET-Wert |
|---|---|---|
| Schönwetterfahrer | 5.000 mm (für kurze Schauer) | RET 13–20 |
| Tourenfahrer | 10.000–20.000 mm | RET 6–13 |
| Ganzjahres- / Vielfahrer | 28.000 mm | RET < 6 |
10. Sicherheits-Check: die Normen EN 17092 und EN 1621
Achte beim Kauf immer auf das CE-Label. Es sagt dir objektiv, was die Kleidung aushält. In einem anderen Artikel erklären wir, was eine gute Motorradjacke können muss und wie sie aufgebaut ist.
Das Zonenmodell: wo es beim Sturz wehtut
Die Norm teilt deinen Körper in drei Zonen ein:
Zone 1: Schulter, Ellbogen, Hüfte, Knie. Hier schlägst du zuerst auf. Hier gelten die höchsten Abriebanforderungen, und dort sitzen die Protektoren.
Zone 2: Außenseiten von Armen und Beinen. Gefährdet, wenn du rutschst.
Zone 3: Innenseiten. Hier ist meist mehr Belüftung drin.
Die Schutzklassen im km/h-Check
Getestet wird mit einer Stoß-Abrieb-Prüfung: Stoffproben sitzen an rotierenden Armen, schlagen auf eine echte Betonoberfläche und rutschen bis zum Stillstand. Danach darf die innerste Lage kein Loch von 5 mm oder mehr haben. Oft liest du dazu km/h-Werte wie 120, 75 oder 45 km/h. Die stehen so nicht in der Norm, sie sind nur grobe Vergleichswerte aus dem Marketing.
AAA: Höchste Abriebfestigkeit, Protektoren an Schultern, Ellbogen, Knien und Hüfte sind vorgeschrieben. Dein Standard für zügige Landstraßentouren.
AA: Der Touring-Standard, ebenfalls mit Protektoren an Schultern, Ellbogen, Knien und Hüfte. Ein guter Kompromiss aus Schutz und Komfort.
A: Leichter Schutz für die Stadt oder große Hitze, Hüftprotektoren sind hier optional.
B und C: Speziallösungen wie Jacken ohne Protektoren (B) oder Protektorenhemden (C).
Protektoren: Level 1 vs. Level 2
Die Norm EN 1621 gibt an, wie viel Schlagkraft (in Kilonewton) noch bei dir ankommt. Je niedriger der Wert, desto besser.
Level 2 Rückenprotektor: Er darf im Mittel höchstens 9 kN Restkraft durchlassen. Ein Level-1-Protektor darf bis zu 18 kN durchlassen, also doppelt so viel. Mein Rat: Am Rücken immer Level 2. Deine Wirbelsäule wird es dir danken.
11. Airbags: aktive Sicherheit
Der Airbag ist der größte Sicherheitsgewinn der letzten zehn Jahre. Er schützt innere Organe und Nacken deutlich besser als jeder klassische Protektor.
Elektronische Systeme: Sie arbeiten autonom. Laut Herstellern werten die Sensoren die Daten bis zu 1.000-mal pro Sekunde aus. Bei einem Highsider erkennt das System den Unfall innerhalb weniger Millisekunden und soll aufgeblasen sein, bevor du den Asphalt berührst.
Mechanische Systeme: Du bist per Reißleine mit dem Motorrad verbunden. Keine Batterie nötig, und die Kartusche kannst du nach einer Auslösung meist selbst wechseln.
moto-guide Tipp: Achte auf Kleidung mit dem Hinweis „Airbag-Ready“. Diese Jacken haben Stretcheinsätze, damit sie nicht platzen, wenn der Airbag darunter auslöst.
12. Pflege: so bleibt deine Motorradbekleidung fit
Die teuerste Kombi bringt wenig, wenn du sie falsch pflegst. Unten findest du die Kurzfassung. Ausführlicher geht es in unserer Anleitung für die Pflege der eigenen Motorradbekleidung (Leder & Textil).
Der Wasch-Trick
Schweißsalze und Fette verstopfen die Poren deiner Membran.
Waschen: Protektoren raus, Reißverschlüsse zu. Flüssigwaschmittel nehmen, auf keinen Fall Weichspüler.
Reaktivieren: Die wasserabweisende Schicht (DWR) auf dem Oberstoff braucht Wärme, damit sich die Polymerketten wieder aufrichten. Steck die Jacke nach dem Waschen 20 bis 30 Minuten bei niedriger Temperatur in den Trockner. Kein Trockner? Dann vorsichtig mit einem Tuch dazwischen auf niedriger Stufe bügeln.
Lederpflege in drei Schritten
Reinigen: Nur mit feuchtem Tuch oder pH-neutralem Lederreiniger.
Trocknen: Nie an der Heizung. Das Leder wird sonst spröde und reißt beim Sturz wie Papier. Immer bei Raumtemperatur trocknen lassen.
Fetten: Einmal im Jahr Lederfett oder Balsam auf Bienenwachsbasis auftragen, damit es geschmeidig bleibt. Zu häufiges Fetten weicht das Leder unnötig auf.
13. Nachhaltigkeit: vegan und recycelt
Es gibt inzwischen gute Alternativen. Um sicher unterwegs zu sein, musst du kein Leder mehr tragen.
Mushroom Leather (Myzel): Biotechnologisch aus Pilzen gezüchtet. Laut Herstellern braucht die Herstellung wenig Wasser. Für echte Sturzzonen ist es bisher kaum im Einsatz, dort zählt am Ende die CE-Prüfung.
PETA-Approved Vegan: Dieses Logo zeigt, dass im Produkt keine tierischen Materialien stecken.
Zertifikate: Achte auf Bluesign® (strenge Vorgaben für Chemikalien in der Produktion) und den Global Recycled Standard (GRS), der den Anteil recycelter Materialien bestätigt.
14. Deine Checkliste für den nächsten Kauf
Bevor du Geld ausgibst, prüf diese fünf Punkte:
Schutzklasse: Mindestens AA für Touren, AAA, wenn es schnell wird.
Protektoren: Sind Level-2-Protektoren verbaut, vor allem am Rücken?
Passform: Sitzt alles eng genug? Ist die Jacke zu weit, verrutschen die Protektoren beim Sturz und helfen dir gar nichts.
Materialmix: Sind an den Sturzzonen Spezialfasern wie SuperFabric oder Keprotec verarbeitet?
Service: Kannst du den Airbag selbst warten, oder muss er eingeschickt werden?
Fazit
Der beste Schutz nützt dir nichts, wenn du ihn nicht trägst, weil er unbequem ist. Mit Materialien wie Dyneema, Outlast und modernen Membranen gibt es dafür heute keine Ausrede mehr. Investier lieber einmal in AAA-Qualität, deine Haut wird es dir danken. Wir sehen uns auf der Straße.
Häufige Fragen zur Materialkunde
Hier sind 15 Fragen, die Motorradfahrer zu Material und Ausrüstung immer wieder stellen, mit kurzen Antworten.
Leder oder Textil: Was schützt bei einem Sturz besser?
Beim Abrieb ist Leder nach wie vor vorn, weil es sehr zäh ist und nicht schmilzt. Moderne High-End-Textilien wie Armacor oder Armalith kommen aber nah heran und sind bei schlechtem Wetter deutlich komfortabler.
Kann ich meine Membranjacke in der Waschmaschine waschen?
Ja, das solltest du sogar. Schmutz und Schweiß verstopfen die Poren der Membran und verschlechtern den RET-Wert. Nimm Spezialwaschmittel, keinen Weichspüler, und halte dich ans Etikett. Ein kurzer Gang im Trockner bei niedriger Hitze reaktiviert oft die wasserabweisende Imprägnierung des Außenstoffs.
Warum schwitze ich in meiner „wasserdichten und atmungsaktiven“ Jacke trotzdem?
Meist ist der RET-Wert zu hoch. Lässt die Membran den Wasserdampf nicht schnell genug raus, kondensiert er innen. Du wirst dann nicht von außen nass, sondern von innen. Achte beim Kauf auf Werte unter RET 13.
Sind Motorradjeans sicher genug für die Autobahn?
Nur wenn sie aus Materialien wie Armalith oder Dyneema bestehen oder großflächig mit Aramid (Kevlar) verstärkt sind. Eine normale Modejeans ist bei einem Sturz mit 100 km/h schon nach wenigen Metern Rutschen durchgescheuert.
Was ist der Unterschied zwischen Level-1- und Level-2-Protektoren?
Es geht um die Restkraft. Level 2 dämpft den Schlag deutlich stärker als Level 1, bei einem Aufprall kommt also weniger Energie am Knochen an. Level-2-Protektoren sind meist etwas dicker, aber für die Sicherheit immer die bessere Wahl.
Reicht eine Wassersäule von 10.000 mm?
Für kurze Schauer ja. Bei 120 km/h auf der Autobahn drückt der Fahrtwind das Wasser aber mit hohem Druck gegen den Stoff. Premiummembranen liegen deshalb meist bei 20.000 mm und mehr, damit du auch bei Dauerregen dicht bleibst.
Was bringt mir Outlast in der Jacke?
Outlast heizt nicht, es puffert. Es speichert überschüssige Körperwärme und gibt sie wieder ab, wenn es kühler wird. So fühlst du dich in einem breiteren Temperaturbereich wohl, ohne ständig das Futter wechseln zu müssen.
Warum sind Handschuhe mit SuperFabric so teuer?
SuperFabric trägt winzige, harte Plättchen. Fängst du dich beim Sturz mit den Händen ab, verhindert das ein Verhaken auf dem Asphalt und schützt vor starkem Abrieb. Am Handballen kann das den Unterschied zwischen Prellung und Fleischwunde ausmachen.
Was ist ein Laminat bei Motorradkleidung?
Beim Laminat ist die wasserdichte Membran direkt mit dem Außenstoff verbunden. Der Vorteil: Die Jacke saugt sich nicht voll, wird nicht schwer und trocknet viel schneller. Bei günstigeren Jacken mit Z-Liner saugt sich der Außenstoff voll, und du kühlst durch die Verdunstung stark aus.
Warum steckt so oft Aramid (Kevlar) in Motorradkleidung?
Aramid ist sehr hitzebeständig. Das ist wichtig, weil bei einem Sturz durch die Reibung auf dem Asphalt sehr hohe Temperaturen entstehen. Billige Kunststoffe würden schmelzen und sich mit der Haut verbinden, Aramid bleibt stabil.
Was bewirkt die Silberbeschichtung (X-Static) im Helm?
Echtes Silber wirkt antibakteriell. Im Helm schwitzt du zwangsläufig, und X-Static verhindert, dass sich Bakterien vermehren. Ergebnis: Der Helm fängt auch nach langen Touren nicht an zu stinken.
Woran erkenne ich, ob mein Protektor noch gut ist?
Protektoren aus viskoelastischem Schaum wie SAS-TEC oder D3O altern und können bei großer Kälte spröde werden. Fühlen sie sich hart an oder gehen nach dem Eindrücken nicht mehr in ihre Form zurück, solltest du sie tauschen. Viele Hersteller empfehlen einen Tausch nach etwa 5 Jahren, spätestens aber nach einem Sturz.
Verliert meine Ausrüstung durch UV-Licht an Schutz?
Ja, besonders Aramid ist UV-empfindlich. Deshalb liegt es meist unter einem Außenstoff. Ist deine Jacke stark ausgeblichen, können auch die Fasern darunter gelitten haben.
Was ist CoolMax, und brauche ich das?
CoolMax ist ideal für heiße Sommertage. Die Fasern leiten Schweiß sehr schnell von der Haut weg. Als Funktionsunterwäsche unter der Lederkombi verhindert es, dass das Leder an dir klebt, und verbessert dein Körperklima spürbar.
Was ist der Vorteil von SAS-TEC gegenüber Hartplastik?
Hartplastik leitet die Energie oft nur weiter, SAS-TEC nimmt sie auf. Im normalen Fahrbetrieb ist es weich und passt sich deinem Körper an, erst beim Aufprall wird es hart. Du hast also mehr Sicherheit und trägst trotzdem bequemer.
Quellen
- EN 17092: Protective clothing for motorcycle riders (SATRA)
- The GORE-TEX Membrane: What it is, how it works (Gore)
- What is Dyneema: The Fabric Explained (Pando Moto)
- TFL Cool System chills even the sun (Leather International)
- Matryx Technology (Chamatex)
- Rukka Lederkombi Aramos Corium+ Platinum (Tourenfahrer)
Stand: September 2026. Herstellerangaben können sich ändern.


