Den Motorrad-Fahrzeugbrief richtig verstehen & versteckte Hinweise erkennen!
Du stehst vor deiner Traummaschine. Der Lack glänzt in der Sonne, der Sound des Endtopfs lässt dein Herz höherschlagen und der Verkäufer versichert dir: „Top gepflegt, deutsches Modell, unfallfrei.“ Doch bevor du den Kaufvertrag unterschreibst und tausende Euro übergibst, gibt es eine Hürde, an der viele Laien scheitern oder schlicht und ergreifend vergessen: der Dokumenten-Check.
Die Zulassungsbescheinigung Teil I und II (früher Fahrzeugschein und Fahrzeugbrief) ist weit mehr als nur ein Stück Papier für die Behörden. Sie ist die Biografie des Motorrads. Wer sie lesen kann, erkennt sofort, ob die Maschine eine „gedrosselte Vergangenheit“ hat, ob sie über dunkle Kanäle aus Übersee importiert wurde oder ob technische Änderungen vorgenommen wurden, die beim nächsten TÜV-Termin für ein böses Erwachen sorgen könnten.
In diesem ausführlichen Artikellernst du, wie du zum „Papier-Detektiv“ wirst. Wir entschlüsseln Codes, die sonst nur Zulassungsstellen und Prüfingenieure verstehen. Versprochen.
Kapitel 1: Die Anatomie der Macht – Zulassungsbescheinigung Teil I & II
Bevor wir zu den Geheimcodes kommen, müssen wir die Basis verstehen. Seit dem 1. Oktober 2005 gibt es die EU-weit harmonisierten Dokumente. Das Ziel war die Vereinheitlichung, doch für den Laien wurde es dadurch oft unübersichtlicher, da viele Informationen nun in verschlüsselten Feldern stehen. Felder, die für Normalsterbliche keinen Sinn machen.
Zulassungsbescheinigung Teil I (Der Fahrzeugschein)
Dies ist das Dokument, das du (als Kopie oder Original) bei jeder Fahrt dabeihaben musst. Es enthält alle technischen Details, die für die Polizei bei einer Kontrolle relevant sind.
Wichtig für dich: Hier stehen die aktuell gültigen Leistungsdaten und alle Sondereintragungen im Feld 22.
Zulassungsbescheinigung Teil II (Der Fahrzeugbrief)
Dieses Dokument verbleibt idealerweise sicher zu Hause (oder bei der finanzierenden Bank). Es ist die Urkunde, die dich als rechtmäßigen Besitzer ausweist.
Wichtig für dich: Hier siehst du die Anzahl der Vorbesitzer und – ganz entscheidend – den Ursprung des Fahrzeugs. Wenn der Brief erst vor zwei Wochen als „Ersatzschrift“ ausgestellt wurde, sollten deine Alarmglocken schrillen.
Woran erkennst du eine Ersatzschrift?
Schau in die Zulassungsbescheinigung Teil II ganz unten in das Feld (24) „Prüfziffer zur Fahrzeugbriefnummer“ oder in die internen Vermerke der Behörde auf der Rückseite/unten. Dort steht oft klar: „Ausgestellt als Ersatz für Brief Nr. … wegen Verlust“.
Kapitel 2: Das Mysterium „0000“ – Den Grauimport entlarven
Dies ist der wohl wichtigste Punkt für jeden Gebrauchtkäufer. Ein „Grauimport“ ist ein Fahrzeug, das nicht über den offiziellen deutschen Vertragshändler (wie z. B. BMW Motorrad Deutschland oder Honda Deutschland) eingeführt wurde, sondern von freien Importeuren aus Märkten wie den USA, Japan oder den Emiraten.
Die Suche nach der Typschlüsselnummer (TSN)
Schau in die Zulassungsbescheinigung Teil I, Feld 2.2. In einem regulären deutschen Modell findest du dort eine Kombination aus drei Buchstaben oder Zahlen (z. B. „AAV“). Diese Nummer sagt dem Ersatzteilhändler und der Versicherung exakt, um welches Modell es sich handelt.
Stehen dort jedoch nur Nullen (0000 0000), handelt es sich um ein Fahrzeug mit einer Einzelbetriebserlaubnis (EBE) nach § 21 StVZO.
Warum „0000“ ein Problem sein kann (aber nicht muss)
Viele Käufer lassen sich von einem günstigen Preis locken, ohne zu wissen, was ein genullter Typschlüssel bedeutet:
-
Versicherungs-Einstufung: Da das System das Modell nicht automatisch erkennt, wirst du oft händisch in eine (meist teurere) Klasse eingestuft.
-
Ersatzteil-Chaos: Wenn du bei einem Online-Händler Bremsbeläge bestellen willst, scheiterst du an der Schlüsselnummer-Suche. Du musst jedes Mal mühsam vergleichen, ob die Teile des EU-Modells wirklich passen.
-
Technische Unterschiede: Ein US-Modell einer Yamaha R1 kann andere Scheinwerfer (ohne E-Prüfzeichen), andere Abgasreinigungen oder sogar eine andere Software-Abstimmung haben als das deutsche Pendant.
-
Wiederverkaufswert: In Sammlerkreisen oder beim klassischen Gebrauchtmarkt erzielen „echte deutsche Modelle“ (oft als „5HD“ bei Harley-Davidson bekannt) deutlich höhere Preise. Ein Import wird immer mit einem Abschlag gehandelt. Auf carfax.eu kannst Du die Fahrzeughistorie einzelner Motorräder prüfen.
Kapitel 3: Die Drossel-Detektive – Leistung ist nicht gleich Leistung
Besonders bei Einsteigermotorrädern (Kategorie A2) wird getrickst, was das Zeug hält. Es gibt zwei Szenarien, die du im Blick haben musst:
Szenario A: Die „heimliche“ Entdrosselung
Das Motorrad ist im Schein mit 35 kW (48 PS) eingetragen, geht aber ab wie eine Rakete. Der Verkäufer grinst: „Die ist offen, hat ca. 100 PS, ist aber als A2 eingetragen – spart Versicherung!“ Das ist eine Falle.
-
Rechtlich: Du fährst ohne Betriebserlaubnis. Bei einem Unfall erlischt der Versicherungsschutz.
-
Strafrechtlich: Wenn du nur den A2-Führerschein hast, ist das „Fahren ohne Fahrerlaubnis“.
Szenario B: Die „kastrierte“ 100-PS-Maschine
Seit 2016 gibt es eine EU-Regelung: Ein A2-Motorrad darf im offenen Zustand maximal 70 kW (95 PS) leisten. Wenn du ein älteres Motorrad kaufst, das offen 120 PS hat und auf 48 PS gedrosselt ist, darfst du es mit dem heutigen A2-Führerschein in vielen EU-Ländern nicht legal fahren, selbst wenn die Drossel eingetragen ist.
So liest du die Leistungs-Historie im Feld 22
Das Feld 22 ist das Freitextfeld am Ende der Zulassungsbescheinigung Teil I. Hier wird jede Änderung dokumentiert. Suche nach Begriffen wie:
-
„Leistungsreduzierung durch Gaswegbegrenzer, H=24mm“
-
„Leistungssteigerung durch Ausbau der Drosselblenden im Ansaugtrakt“
Wenn dort eine Leistungssteigerung vermerkt ist, schau auf das Datum. Wurde die Maschine die ersten 30.000 km gedrosselt gefahren? Das kann Auswirkungen auf das Verschleißbild des Motors (z. B. Verkokungen an den Ventilen) haben, wenn sie nie „frei geblasen“ wurde.
Kapitel 4: Der Ländercode-Check – Woher kommt sie wirklich?
Neben dem Typschlüssel gibt es noch ein weiteres verstecktes Merkmal: die Fahrzeug-Identifizierungsnummer (FIN), auch bekannt als VIN. Sie steht im Feld E.
Die ersten drei Stellen (Welt-Herstellercode) verraten dir das Herkunftsland:
-
JNT bis JYF: Japan (z. B. viele Honda, Yamaha, Suzuki)
-
ZCG bis ZDM: Italien (z. B. Ducati, Moto Guzzi)
-
VNT bis VNY: Frankreich
-
1HD, 5HD: USA (Harley-Davidson)
-
WB1: Deutschland (BMW)
Der Insider-Trick bei Harley-Davidson: Ein deutsches Modell beginnt fast immer mit 5HD. Beginnt die Nummer mit 1HD, wurde sie ursprünglich für den US-Markt produziert. Viele 1HD-Maschinen kommen über Litauen oder Polen nach Deutschland. Oft als „Salvage Title“ (Totalschaden in den USA), die billig repariert wurden. Ein Blick auf die VIN im Feld E kann dir also sagen, ob du ein Unfall-Bike aus den USA vor dir hast.
Kapitel 5: Feld 17 und 18 – Der Status der Zulassung
Diese kleinen Felder werden oft ignoriert, sind aber für die Legalität entscheidend.
-
Feld 17 (Merkmal zur Betriebserlaubnis): * K: Das Fahrzeug hat eine EG-Typgenehmigung. Das bedeutet, es entspricht dem europäischen Standard und kann problemlos in jedem EU-Land zugelassen werden.
-
A: Nationale Betriebserlaubnis. Meist bei älteren Fahrzeugen oder Kleinserien.
-
E: Einzelbetriebserlaubnis. Das Zeichen für Importe oder extreme Custom-Bikes.
-
-
Feld 18 (Länge des Fahrzeugs): Hier gibt es oft Diskrepanzen, wenn das Heck gekürzt wurde. Wenn das Motorrad optisch sehr kurz wirkt, die Angabe im Feld 18 aber noch den Originalzustand beschreibt, wurde der Umbau nicht eingetragen.
Kapitel 6: Das „Tagebuch“ im Feld 22 – Was dort wirklich steht
Feld 22 ist die Goldgrube für jeden Detektiv. Hier werden alle Abweichungen von der Serie notiert. Achte auf folgende Einträge, die den Wert beeinflussen:
1. Reifenfabrikatsbindung
Früher stand hier oft: „Reifenbindung gemäß Betriebserlaubnis beachten“. Achtung: Seit 2020 gibt es neue Regeln für Motorräder, deren Reifen nicht mehr produziert werden oder die eine andere Größe haben wollen. Wenn hier spezielle Reifenmarken eingetragen sind, die es gar nicht mehr gibt, musst du beim Kauf neue Reifen und eine Abnahme beim TÜV (ca. 100 €) einplanen.
2. Austauschrahmen
Steht dort etwas von „Austauschrahmen Nummer…“? Das ist ein massives Warnsignal. Ein Rahmen wird nur getauscht, wenn der alte durch einen Unfall oder Korrosion zerstört wurde. Das Motorrad hatte also einen schweren Schaden. Der Wert sinkt hierdurch drastisch, selbst wenn die Reparatur fachgerecht war.
3. Sonderlenker und Zubehör
Jede Änderung (LSL-Lenker, Akrapovic-Auspuff ohne E-Nummer, Fußrastenanlage) muss hier stehen. Steht sie nicht drin, aber die Teile sind verbaut, verlange die ABE (Allgemeine Betriebserlaubnis) in Papierform. Fehlt diese, ist das Bike bei der nächsten Kontrolle fällig.
Kapitel 7: Die „verschwundenen“ Vorbesitzer
In der Zulassungsbescheinigung Teil II steht im Feld (1) die Anzahl der Vorbesitzer. Ein beliebtes Täuschungsmanöver: Wenn ein Motorrad durch viele Hände ging (z. B. 6 Vorbesitzer), sieht das im Brief schlecht aus. Manche Verkäufer melden das Motorrad kurzzeitig ab und beantragen einen neuen Brief (wegen „Verlust“ oder „Beschädigung“). Im neuen Brief steht dann bei Vorbesitzer wieder die Zahl 1 (der aktuelle Halter), aber darunter steht klein: „Anzahl der Vorbesitzer laut altem Dokument: 5“.
Lies diesen kleingedruckten Bereich unter dem Feld der Vorbesitzer ganz genau! Wenn dort steht, dass der Brief aufgrund eines Verlusts neu ausgestellt wurde, frage nach dem alten Brief (oder einer Kopie). Wer nichts zu verbergen hat, behält Kopien alter Dokumente.
Kapitel 8: Der Zeitstrahl-Check – Erstzulassung vs. Baujahr
Ein Motorrad kann „neu“ sein, obwohl es schon drei Jahre alt ist.
-
Feld B: Datum der Erstzulassung.
-
Feld (6): Datum zu K (Datum, an dem die Typgenehmigung erteilt wurde).
Oft stehen Maschinen als „Ladenhüter“ Jahre beim Händler. Das ist technisch okay, aber Gummi altert. Schau auf die DOT-Nummer der Reifen (vierstellig, z. B. 1222 = 12. Woche 2022). Wenn das Bike Erstzulassung 2025 hat, die Reifen aber von 2021 sind, stand die Maschine vier Jahre lang auf der Stelle. Das kann zu Standplatten und versödeten Dichtungen geführt haben.
Kapitel 9: Insider-Wissen – Die psychologische Verhandlung
Wenn du Unstimmigkeiten in den Papieren gefunden hast (z. B. Import „0000“ oder eine verschwiegene Drosselung), hast du die Oberhand in der Preisverhandlung.
So gehst du vor:
-
Nicht sofort meckern: Lass den Verkäufer erst einmal erzählen. Wenn er sagt „Deutsches Modell“, und du siehst die „0000“, hast du ihn der Lüge überführt.
-
Kosten beziffern: „Schau mal, das ist ein US-Import. Ich brauche für den nächsten TÜV eventuell eine Bestätigung über die Lichtanlage und die Ersatzteilsuche ist viel schwieriger. Das ist am Markt mindestens 800 Euro weniger wert.“
-
Die „Angst“ nutzen: „Ein Motorrad mit Austauschrahmen ist für mich ein Unfallfahrzeug. Das kaufe ich nur mit einem massiven Preisabschlag von 20 %.“
Experten-FAQ: Häufige Fragen zum Dokumenten-Check
F1: Ist ein Import-Motorrad grundsätzlich schlechter?
Antwort: Nein. Ein Motorrad aus Japan kann sogar besser gepflegt sein (dort gibt es den strengen „Shaken“-TÜV). Das Problem ist die Dokumentation und die Ersatzteilversorgung in Europa. Ein Import muss einfach günstiger sein als ein offizielles deutsches Modell.
F2: Was mache ich, wenn der Verkäufer nur die Zulassungsbescheinigung Teil I (Fahrzeugschein) zeigt?
Antwort: Bestehe auf Teil II (Brief). Nur dort siehst du die Anzahl der Vorbesitzer und ob das Fahrzeug eventuell als Sicherheit bei einer Bank hinterlegt ist. Kaufe niemals ein Motorrad, bei dem der Brief „nachgeschickt“ werden soll.
F3: Kann ich eine Drosselung selbst austragen lassen?
Antwort: Ja, aber du brauchst eine Bestätigung einer Werkstatt oder musst dem TÜV-Prüfer die mechanische Entfernung vorführen. Kostet ca. 50–100 Euro plus die Gebühren bei der Zulassungsstelle für neue Papiere.
F4: Wie erkenne ich, ob die Kilometerleistung im Brief plausibel ist?
Antwort: Vergleiche die Kilometerstände auf den alten TÜV-Berichten (die du dir immer zeigen lassen solltest) mit den Einträgen im Serviceheft. Wenn die Maschine 2022 beim TÜV 15.000 km hatte und jetzt immer noch 15.500 km, wurde sie entweder gar nicht gefahren oder der Tacho wurde manipuliert.
F5: Was bedeutet der Eintrag „Austauschmotor“ im Feld 22?
Antwort: Das ist meistens positiv! Es bedeutet, der Motor hat weniger gelaufen als das Fahrwerk. Aber: Lass dir die Rechnung vom Einbau zeigen, um zu prüfen, ob es ein neuer Motor war oder ein gebrauchter vom Schrottplatz.
Zusammenfassung: Die 5-Punkte-Checkliste für Profis
Bevor du das Geld zählst, gehe diese fünf Punkte im Kopf durch:
-
Feld 2.2: Steht dort „0000“? (Wenn ja -> Preis drücken, Import-Check).
-
Feld E (VIN): Passt die Nummer am Rahmen exakt zum Papier? (Keine Kratzer an der Nummer?).
-
Feld 22: Stehen dort Drosselungen oder Umbauten, die am Bike gar nicht mehr zu sehen sind? (Oder umgekehrt?).
-
Vorbesitzer: Passt die Zahl der Halter zum Zustand und den Erzählungen des Verkäufers?
-
TÜV-Berichte: Sind die Kilometerstände über die Jahre logisch ansteigend?
Fazit: Dein Wissen ist dein Geldbeutel-Schutz
Ein Motorradkauf ist eine emotionale Angelegenheit, aber der Check der Dokumente muss eiskalt und rational sein. Wer die versteckten Hinweise im Fahrzeugbrief versteht, schützt sich vor illegalen Bastelbuden, teuren Import-Fallen und rechtlichen Problemen. Ein ehrliches Motorrad hat eine ehrliche Papierhistorie. Wenn der Verkäufer bei Fragen zu den Dokumenten nervös wird, ist das dein Signal, den Helm wieder aufzusetzen und weiterzusuchen.

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit Motorrädern, ihrer Technik und allen Themen rund um Sicherheit, Wartung und Ausrüstung. Mein Ziel ist es, praxisnahe Informationen verständlich aufzubereiten, Risiken realistisch einzuschätzen und gängige Mythen sachlich einzuordnen.
Alle Inhalte auf moto-guide.com basieren auf fundierter Recherche, technischer Einordnung und meiner Erfahrung im Umgang mit Motorrädern. Ich möchte Fahrern helfen, informierte Entscheidungen zu treffen und ihr Motorrad sicher und bewusst zu nutzen.




Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!