Das ultimative Materialkunde-Lexikon für Motorradbekleidung
Stell Dir vor, Du bist mit 100 km/h auf der Landstraße unterwegs. Zwischen Dir und dem harten Asphalt liegt oft nur eine Schicht von knapp über einem Millimeter Material. In diesem Moment ist Deine Motorradbekleidung kein modisches Accessoire mehr, sie ist Deine Lebensversicherung.
Die Technik hinter Deiner Ausrüstung hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Wir reden heute nicht mehr nur über „einfaches Leder“, sondern über molekulare Schutzschichten, autonome Airbag-Algorithmen und nachhaltige Hochleistungsfasern, die aus der Raumfahrt stammen. Damit Du beim nächsten Kauf nicht im Marketing-Dschungel der Hersteller versinkst, habe ich Dir hier ein Kompendium zusammengestellt, das keine Fragen offen lässt. Keine Sorge, es wird nicht so technisch, wie es in meiner Einleitung klingt.
1. Leder: Das Ur-Material in der High-Tech-Kur:
Leder ist und bleibt für viele von uns die erste Wahl. Warum? Weil die Natur hier eine Faserstruktur geschaffen hat, die wir im Labor kaum kopieren können: Eine dreidimensionale Vernetzung von Kollagenfasern, die bei extremer Reibungshitze ihre Struktur behält.
Welche Lederart passt zu Dir?
Jedes Tier liefert ein anderes Schutzpaket. Hier ist der Check:
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Rindsleder: Der Klassiker. Mit einer Stärke von 1,1 bis 1,4 mm bietet es Dir massiven Abriebschutz. Es ist robust, langlebig und passt sich mit der Zeit perfekt Deiner Körperform an. Eine Eigenschaft, die extrem wichtig ist, damit Deine Protektoren nicht verrutschen.
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Känguruleder: Die High-End-Wahl aus dem Rennsport. Die Fasern sind hier viel dichter und verlaufen parallel zur Oberfläche. Das Ergebnis: Du bekommst bei nur 0,8 bis 1,1 mm Dicke die gleiche (oder höhere) Reißfestigkeit wie bei dickem Rindleder. Eine Känguru-Kombi wiegt in Größe 52 oft ein ganzes Kilogramm weniger, als eine Lederkombination aus Rindsleder.
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Ziegenleder: Wenn Du Handschuhe suchst, die Dir ein perfektes Gefühl für Gas und Bremse geben, ist Ziegenleder unschlagbar. Es ist dünn, leicht, aber trotzdem erstaunlich reißfest.
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Büffelleder: Du stehst auf den Vintage-Look? Büffelleder ist grobporiger und entwickelt schneller eine coole Patina. In Sachen Abriebfestigkeit liegt es fast auf Rind-Niveau, ist aber oft etwas steifer.
Der TFL Cool-System™ Effekt
Kennst Du das? Schwarzes Leder in der prallen Sonne; Du fühlst Dich wie in einer Mikrowelle. Die TFL-Technologie ändert das. Durch spezielle Pigmente reflektiert das Leder bis zu 80 % der Infrarotstrahlung der Sonne. Das senkt die Oberflächentemperatur um bis zu 20°C . (Bei den Werten handelt es sich um Herstellerangaben. Vermutlich werdne die Werte etwas abweichen).
Wichtig für Dich: Pflege Dein Cool-Leder nur mit farblosen Mitteln. Normale Schuhcreme verstopft die Pigmente und der Effekt ist weg.
2. Textilien: Die Metrik hinter Deiner Jacke
Textilbekleidung ist heute oft genauso sicher wie Leder, aber deutlich vielseitiger. Damit Du weißt, was „600D“ oder „1000D“ bedeutet, hier ein kurzer Exkurs in die Textil-Mathematik:
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Denier (D): Diese Einheit misst das Gewicht eines Garns. 1 Denier bedeutet: 9.000 Meter des Fadens wiegen exakt 1 Gramm. Eine Jacke mit 1000 D Cordura ist also aus deutlich dickeren und schwereren Fäden gewebt als eine 300 D City-Jacke.
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Tex / Decitex (dtex): Das ist die ISO-Norm. 1 tex entspricht 1 Gramm pro 1.000 Meter. Merk Dir einfach: 1 tex = 9 Denier.
Die Faustregel für Deine Sicherheit: Materialien unter 500 D haben in Sturzzonen (Ellbogen, Schulter) nichts zu suchen. Dort solltest Du auf mindestens 1 000 D oder spezialisierte Fasern wie Dyneema setzen.
3. Was deine Motorradkombi wirklich kann – Das ultimative Material-Lexikon
Hast du dich beim Kauf deiner neuen Ausrüstung auch schon gefragt, warum die eine Jeans 100 € kostet und die andere 400 €? Oder warum manche Jacken dünn sind, aber trotzdem besser schützen als dicke Lederpanzer? Die Antwort steckt im Kleingedruckten; den Markennamen der Technologien.
Wir haben das „Alphabet der Sicherheit“ für dich entschlüsselt. Hier ist die detaillierte Analyse der Stoffe, die im Ernstfall zwischen dir und dem Asphalt stehen.
3M™ Scotchlite™
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Die Technik im Detail: Es handelt sich um die sogenannte Retroreflexion. Während ein Spiegel Licht im Einfallswinkel wegreflektiert, schicken Millionen von winzigen, silberbedampften Glaskugeln das Licht fast parallel zur Einfallsrichtung zurück. Das bedeutet: Nur wer hinter der Lichtquelle sitzt (der Autofahrer), sieht dich extrem hell leuchten.
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Verwendungszweck: Maximale Sichtbarkeit bei Dämmerung und Nacht, ohne dass die Jacke tagsüber wie eine Warnweste aussieht.
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Praxis-Beispiel: Die schmalen silbernen Streifen an den Ärmeln deiner Tourenjacke oder die reflektierenden Logos auf deinen Stiefeln.
3M™ Thinsulate™
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Die Technik im Detail: Die Fasern sind etwa 10 Mikrometer dünn; das ist zehnmal dünner als ein menschliches Haar. Dadurch haben sie eine viel größere Oberfläche und können mehr Luftmoleküle „festhalten“. Da Luft ein schlechter Wärmeleiter ist, isoliert dieses Polster extrem gut.
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Verwendungszweck: Wärmeisolierung bei geringstem Volumen. Perfekt, wenn du trotz Kälte noch Feingefühl in den Fingern brauchst.
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Praxis-Beispiel: Winterhandschuhe, die nicht so klobig sind wie Skihandschuhe, damit du Blinker und Bremse noch präzise bedienen kannst.
Outlast® (Phase-Change-Material)
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Die Technik im Detail: In das Futter sind Mikrokapseln (Thermocules™) eingearbeitet, die mit einem Spezialwachs gefüllt sind. Wenn deine Hauttemperatur steigt, nimmt das Wachs die Energie auf und wird flüssig. Es speichert die Wärme (latente Wärme). Sinkt deine Temperatur, wird das Wachs fest und gibt die Energie wieder ab.
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Verwendungszweck: Vermeidung von Temperaturspitzen. Es ist keine Heizung, sondern ein Puffer.
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Praxis-Beispiel: Das Innenfutter hochwertiger Motorradjacken. Du schwitzt beim Ampelstopp weniger und frierst auf der Landstraße danach nicht so schnell.
CoolMax® / X-Static®
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Die Technik im Detail: CoolMax nutzt Fasern mit vier Kanälen, die Feuchtigkeit durch Kapillarkräfte nach außen saugen. X-Static ist eine Textilfaser, die permanent mit einer Schicht reines Silber überzogen ist. Silber ionisiert bei Feuchtigkeit und tötet geruchsbildende Bakterien ab.
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Verwendungszweck: Feuchtigkeitstransport und Hygiene.
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Praxis-Beispiel: Funktionsunterwäsche oder das Innenfutter deines Helms (X-Static), damit er nach einer Saison nicht muffig riecht.
4. Abriebfestigkeit & Textil-Technik
Das ist deine „zweite Haut“, wenn du über den Asphalt rutschst. Die richtigen Materialen schützen Dich und Deine Haut bei einem Motorradsturz.
Aramid (Kevlar®, Twaron®, Pekev®)
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Die Technik im Detail: Diese Fasern gehören zur Gruppe der aromatischen Polyamide. Die Molekülketten sind extrem fest untereinander verbunden. Aramid brennt nicht, schmilzt nicht und hat eine sehr hohe Reißfestigkeit. Es ist allerdings UV-empfindlich.
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Verwendungszweck: Hitzeschutz und Reißfestigkeit bei Stürzen.
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Praxis-Beispiel: Die gelben Verstärkungen im Inneren von Motorradjeans an Knien und Gesäß.
Dyneema® / UHMWPE
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Die Technik im Detail: Ultra-Hochmolekulares Polyethylen. Die Molekülketten sind hier extrem lang. Auf das Gewicht bezogen ist es 15-mal stärker als Stahl. Der Vorteil gegenüber Aramid: Es ist kühler auf der Haut und deutlich abriebfester bei direktem Kontakt mit Asphalt.
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Verwendungszweck: Hochleistungs-Denim für „Single-Layer“-Hosen.
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Praxis-Beispiel: Eine Motorradjeans, die nur eine Stofflage hat, aber so sicher ist wie Leder.
Armacor™ (GORE-TEX Pro)
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Die Technik im Detail: Ein 3-Lagen-Laminat. Das Obermaterial besteht aus einer Mischung aus Cordura und einem Gitter aus extrem reißfestem Kevlar. Darunter liegt direkt die Gore-Tex Membran.
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Verwendungszweck: Die „Rüstung“ für Weltreisende. Absolut wasserdicht und extrem abriebfest.
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Praxis-Beispiel: Die Schulter- und Ellbogenpartien von High-End-Tourenanzügen.
Cordura® / Cordura Denim®
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Die Technik im Detail: Lufttexturiertes Nylon 6.6. Die Fasern werden beim Spinnen absichtlich etwas „verrupft“, was die Oberfläche rauer macht. Das erhöht den Reibungswiderstand massiv im Vergleich zu normalem Polyester-Stoff.
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Verwendungszweck: Das Standardmaterial für fast alle Textilkombis.
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Praxis-Beispiel: Der Grundstoff deiner Einstiegs-Textiljacke. Cordura Denim wird in Jeans eingewebt, um den typischen Look mit Sicherheit zu mischen.
5. Leder & Spezial-Hybride
Anilinleder vs. Teil-Anilin
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Die Technik im Detail: Anilinleder wird im Fass durchgefärbt, erhält aber keine Pigmentdeckschicht. Die Poren bleiben offen. Es ist das weichste und hochwertigste Leder, aber Wasser zieht sofort ein.
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Verwendungszweck: Optik und Tragekomfort.
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Praxis-Beispiel: Stylische Retro-Lederjacken für Chopper- oder Scrambler-Fahrer.
Corium+® Platinum
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Die Technik im Detail: Ein perforiertes Leder, das mit einer wasserdichten Membran verschweißt ist. Normalerweise saugt sich Leder bei Regen voll und wiegt das Doppelte. Hier perlt das Wasser ab, während Schweiß durch die Perforation entweichen kann.
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Verwendungszweck: Ganzjahres-Lederkleidung.
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Praxis-Beispiel: High-End-Lederkombis für Tourenfahrer, die Leder lieben, aber keine Regenjacke drüberziehen wollen.
Matryx®
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Die Technik im Detail: Ein technisches Gewebe, bei dem Kevlar- und Polyamid-Fäden einzeln beschichtet und dann zu einer Matrix verwoben werden. Es ist extrem dünn, fast durchsichtig, aber abriebfest.
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Verwendungszweck: Maximale Belüftung bei hoher Sicherheit.
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Praxis-Beispiel: Die Seitenpaneele in sportlichen Sommerstiefeln oder leichten Handschuhen von Alpinestars.
6. Aufprallschutz (Protektoren)
Hier wird die Bewegungsenergie vernichtet, damit deine Knochen heil bleiben.
D3O® & SAS-TEC®
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Die Technik im Detail: Diese Materialien nutzen die Nicht-Newtonsche Physik. Die Moleküle im Polymer sind im Normalzustand beweglich (der Protektor ist weich). Bei einem schnellen Schlag (Impuls) verhaken sie sich sofort zu einer starren Struktur.
- Unterschiede:
- D3O: Bekannt für orangefarbene, sehr flache Protektoren, ideal für „unsichtbaren“ Schutz in Streetwear.
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SAS-TEC: Ein viskoelastischer Schaum (meist gelb), der nach einem Schlag wieder in seine Ursprungsform zurückkehrt (mehrschlagfähig) und oft bessere Dämpfungswerte bei extremer Hitze oder Kälte bietet.
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Verwendungszweck: Gelenkschutz (Schulter, Knie, Ellbogen) und Rückenprotektoren.
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Praxis-Beispiel: Tausche die harten Plastikschalen deiner alten Jacke gegen SAS-TEC Level 2 Protektoren aus. Du wirst den Komfortgewinn sofort spüren.
SuperFabric®
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Die Technik im Detail: Auf ein Trägermaterial werden kleine, extrem harte Epoxidharz-Plättchen („Guard Plates“) aufgebracht. Der Stoff bleibt flexibel (weil zwischen den Plättchen Platz ist), aber wenn du über den Asphalt rutschst, gleitest du auf diesen harten Plättchen wie auf kleinen Schlittschuhen, anstatt dass der Stoff aufreißt.
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Verwendungszweck: Schutz an Stellen, die hohe Reibungshitze und Abrieb aushalten müssen.
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Praxis-Beispiel: Die Handballen-Verstärkung an Profi-Rennsporthandschuhen.
7. Klima-Membranen: Die Wissenschaft der Trockenheit
Damit Du bei Regen trocken bleibst, aber nicht im eigenen Saft schmorst, braucht Deine Ausrüstung eine Membran.
Es gibt zwei physikalische Konzepte, die Du kennen solltest:
Mikroporöse Membranen:
Stell Dir ein Netz mit Milliarden Poren vor. Jede Pore ist 20.000-mal kleiner als ein Wassertropfen, aber 700-mal größer als ein Wasserdampfmolekül.
Wasser von außen kommt nicht rein, Dein Schweiß dampft aber raus.
Bonus Info: Es gibt sogenannte ePE-Membran; die komplett frei von umweltschädlichen PFAS-Chemikalien ist.
Hydrophile Membranen:
Diese Membranen haben keine Löcher. Der Transport funktioniert chemisch über molekulare Ketten, die Feuchtigkeit „aufsaugen“ und nach außen leiten.
Der große Vorteil: Da es keine Poren gibt, können diese auch nicht durch Schweißsalze oder Waschmittel verstopfen. Zudem sind sie zu 100 % recycelbar.
Die Wassersäule gibt an, wie viel Wasserdruck ein Material aushält, bevor der erste Tropfen durchdringt.
Die Messmethode
Man spannt das Material unter einen Zylinder und füllt diesen mit Wasser. Die Millimeter-Angabe besagt, wie hoch das Wasser im Rohr stehen kann, bevor es durch das Gewebe drückt.
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Der „Normalo-Standard“ 1.500 mm bis 5.000 mm: Laut europäischer Norm gilt ein Stoff oft schon ab 1.300 mm als wasserdicht. Das reicht für ein Zelt oder eine Regenjacke beim Gassigehen.
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Der Motorrad-Mindeststandard 10.000 mm: Das ist das absolute Minimum. Warum? Weil durch den Fahrtwind ein enormer Staudruck entsteht. Wenn du mit 100 km/h fährst, wirkt das Wasser wie ein kleiner Hochdruckreiniger auf deine Kleidung.
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Die Premium-Klasse 28.000 mm: Marken wie GORE-TEX® oder Sympatex® erreichen oft diesen Wert.
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Praxis-Beispiel: Wenn du dich auf eine nasse Sitzbank setzt, drückst du dein Körpergewicht auf eine kleine Fläche. Dieser punktuelle Druck kann locker 10.000 mm überschreiten. Nur mit einer extrem hohen Wassersäule bleibt dein Hintern dabei trocken.
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Wichtig zu wissen: Eine hohe Wassersäule nützt nichts, wenn die Nähte nicht versiegelt (getaped) sind. Achte beim Kauf immer auf „getapete Nähte“.
8. Der RET-Wert: Die Atmungsaktivität (Wasserdampfwiderstand)
Es bringt dir nichts, wenn kein Regen reinkommt, du aber von innen durch deinen eigenen Schweiß klatschnass wirst (der berüchtigte „Plastiktüten-Effekt“).
Die Technik dahinter
RET steht für Resistance to Evaporative Heat Transfer. Er misst, wie viel Widerstand ein Stoff dem Wasserdampf (deinem Schweiß) entgegensetzt. Hier gilt: Je kleiner die Zahl, desto besser!
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RET 0–6 (Extrem atmungsaktiv): Das ist die Champions League. Selbst bei körperlicher Anstrengung (z.B. Offroad-Fahren oder Stop-and-Go in der Stadt) wird der Schweiß effizient nach außen geleitet. Du fühlst dich trocken und frisch.
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RET 6–13 (Sehr atmungsaktiv): Standard für gute Tourenbekleidung. Für normales Fahren auf der Landstraße völlig ausreichend.
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RET 13–20 (Zufriedenstellend): Man merkt bei Hitze oder Anstrengung deutlich, dass es feucht unter der Jacke wird.
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RET über 20 (Nicht empfehlenswert): Das Material wirkt wie eine Barriere. Der Schweiß kondensiert an der Innenseite und du fängst an zu frieren, sobald es draußen kühler wird, weil du feuchte Haut hast.
Bonus Wissen: Um den RET Wert zu ermitteln, musst Du etwas Detektivarbeit leisten.
Die schlechte Nachricht vorab: Im Gegensatz zur Wassersäule steht der RET-Wert fast nie groß auf dem Verkaufsetikett.
Hersteller nutzen lieber schwammige Begriffe wie „hochgradig atmungsaktiv“.
Aber keine Sorge, mit ein bisschen Insider-Wissen und den richtigen Quellen kommst du trotzdem an die Info.
So gehst du vor:
Große Marken bieten auf ihren Websites oft detaillierte Produktbeschreibungen an. Suche nicht nur auf der Shop-Seite, sondern lade dir, falls verfügbar, das Technical Manual oder das Produktdatenblatt als PDF herunter. Dort verstecken sich oft die physikalischen Messwerte. Im Zweifelsfall kannst Du auch beim Hersteller direkt nachfragen. Dieser hat die Daten mit Sicherheit.
9. Das Zusammenspiel: Warum beides zusammen so teuer ist
Die physikalische Schwierigkeit besteht darin, ein Material zu bauen, das Löcher hat, die klein genug sind, um Wassertropfen draußen zu halten (Wassersäule), aber groß genug sind, um Wasserdampfmoleküle rausizulassen (RET).
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Ein Wassertropfen ist etwa 20.000-mal größer als ein Wasserdampfmolekül.
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Günstige Membranen sind oft einfach „dicht“. Sie haben eine hohe Wassersäule, aber einen schlechten RET-Wert. Du bleibst trocken von außen, wirst aber nass von innen.
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High-End-Laminate: Hier wird die Membran direkt mit dem Außenstoff verschweißt. Das sorgt für einen extrem niedrigen RET-Wert und eine maximale Wassersäule. Zudem saugt sich der Außenstoff nicht voll (kein Auskühlen durch Verdunstungskälte).
Checkliste für deinen nächsten Kauf:
| Einsatzzweck | Empfohlene Wassersäule | Empfohlener RET-Wert |
| Schönwetter-Fahrer | 5.000 mm (für kurze Schauer) | RET 13-20 |
| Tourenfahrer | 10.000mm – 20.000mm | RET 6-13 |
| Ganzjahres / Profi | 28.000 mm | RET < 6 |
10. Sicherheits-Check: Die Normen EN 17092 und EN 1621
Achte beim Kauf immer auf das CE-Label. Es verrät Dir objektiv, was die Klamotte aushält.
In einem unserer Artikel haben wir grob angerissen, was eine gute Motorradjacke können muss und wie sie zusammengesetzt ist.
Das Zonenmodell (Wo es wehtut)
Die Norm teilt Deinen Körper in drei Zonen ein:
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Zone 1: Schulter, Ellbogen, Hüfte, Knie. Hier knallst Du zuerst auf. Maximale Abriebwerte und Protektoren sind Pflicht.
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Zone 2: Außenseiten der Beine und Arme. Sturzgefährdet bei Rutschern.
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Zone 3: Innenseiten. Hier ist meist mehr Belüftung möglich.
Die Schutzklassen (Der km/h-Check)
Getestet wird mit dem sogenannten „Darmstadt-Test“: Ein rotierendes Stoffmuster wird auf Asphalt gedrückt.
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AAA: Maximale Sicherheit. Getestet bei ca. 120 km/h. Das ist Dein Standard für die Rennstrecke oder schnelle Landstraßentouren.
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AA: Der Touring-Standard. Getestet bei ca. 75 km/h. Ein super Kompromiss aus Schutz und Komfort.
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A: Leichter Schutz für die Stadt oder extreme Hitze. Getestet bei 45 km/h.
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B & C: Speziallösungen wie Protektorenhemden (C) oder Jacken ohne Protektoren (B).
Protektoren: Level 1 vs. Level 2
Die Norm EN 1621 sagt Dir, wie viel Schlagkraft (in Kilonewton) noch bei Dir ankommt. Ein niedrigerer Wert ist besser!
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Level 2 Rückenprotektor: Er lässt maximal 9 kN Restkraft zu. Ein Level 1 Protektor lässt doppelt so viel 18 kN durch.
Mein Rat: Nimm immer Level 2 am Rücken, Deine Wirbelsäule wird es Dir danken.
11. Die Airbag-Revolution: Aktive Sicherheit
Ein Airbag ist der größte Sicherheitsgewinn der letzten 10 Jahre. Er schützt Deine inneren Organe und Deinen Nacken deutlich besser als jeder herkömmliche Protektor.
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Elektronische Systeme: Diese Systeme sind autonom. Sensoren analysieren 1.000-mal pro Sekunde Deine Lage. Ein Highsider? Das System erkennt den Unfall in ca. 20 bis 40 ms und bläst sich auf, noch bevor Du den Asphalt berührst.
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Mechanische Systeme: Du wirst per Reißleine mit dem Motorrad verbunden. Unfallsicher, keine Batterie nötig, und Du kannst die Kartusche nach einer Auslösung meist selbst wechseln.
Mot-Guide Tipp: Achte auf Kleidung, die „Airbag-Ready“ ist. Diese Jacken haben spezielle Stretcheinsätze, damit sie nicht platzen, wenn der Airbag darunter zündet.
12. Instandhaltung: So bleiben Deine Klamotten fit
Die teuerste Kombi bringt nichts, wenn Du sie falsch pflegst. Neben der unten stehenden Kurzform, haben wir zusätzlich eine ausführliche Anleitung für die Pflege der eigenen Motorradbekleidung (Leder & Textil) verfasst. Lies sie Dir gerne durch, wenn Du mehr zur richtigen Pflege erfahren möchtest.
Der Wasch-Trick
Schweißsalze und Fette blockieren die Poren Deiner Membran.
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Waschen: Protektoren raus, Reißverschlüsse zu.36 Flüssigwaschmittel verwenden, NIEMALS Weichspüler.
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Reaktivieren: Die wasserabweisende Schicht (DWR) auf dem Oberstoff braucht Wärme, damit sich die Polymerketten wieder aufrichten. Pack die Jacke nach dem Waschen für 20 bis 30 Minuten bei niedriger Temperatur in den Trockner. Wenn Du keinen Trockner hast: Vorsichtig (mit Tuch dazwischen!) bei niedriger Stufe bügeln.
Lederpflege-Protokoll
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Reinigen: Nur mit feuchtem Tuch oder pH-neutralem Lederreiniger.
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Trocknen: Niemals an der Heizung! Das Leder wird sonst spröde und bricht bei einem Sturz wie Papier. Immer bei Raumtemperatur trocknen lassen.
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Fetten: Einmal im Jahr Lederfett oder Balsam (Bienenwachs-Basis) auftragen, um die Geschmeidigkeit zu erhalten. Beachte, dass zu häufige Pflege das Leder unnötig aufweichen lässt.
13. Nachhaltigkeit und Zukunft: Vegan & Recycelt
Es ist das Zeitalter der Alternativen. Du musst kein Leder mehr tragen, um sicher zu sein.
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Mushroom Leather (Myzel): Biotechnologisch aus Pilzen gezüchtet. Es ist reißfester als viele Tierleder und braucht bei der Herstellung kaum Wasser.
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PETA-Approved Vegan: Dieses Logo garantiert Dir, dass absolut kein Tier für Deine Ausrüstung sterben musste.
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Zertifikate: Achte auf Bluesign® (keine giftige Chemie) und den Global Recycled Standard (GRS) für einen geringen CO2-Fußabdruck.
14. Deine Strategische Checkliste für den nächsten Kauf
Bevor Du Geld auf den Tresen legst, prüfe diese 5 Punkte:
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Sicherheitsklasse: Ist es mindestens AA für die Tour oder AAA für den Speed?
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Protektoren: Sind Level 2 Protektoren drin (vor allem am Rücken)?
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Passform: Sitzt alles knackig? Wenn die Jacke zu weit ist, verrutschen die Protektoren beim Sturz und helfen Dir null.
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Materialmix: Werden Spezialfasern wie SuperFabric oder Keprotec an den Sturzzonen genutzt?
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Service: Kann man den Airbag selbst warten oder muss er eingeschickt werden?
15. FAQ: Motorrad-Technik & Ausrüstung – Was du wissen musst:
Hier sind 15 Fragen und Antworten, die genau die typischen Zweifel und Interessen von Motorradfahrern treffen. Sie sollten DIR keine Fragen mehr offen lassen.
1. Leder oder Textil – was schützt mich bei einem Sturz besser?
In Sachen Abriebfestigkeit ist Leder nach wie vor ungeschlagen, da es extrem zäh ist und nicht schmilzt. Moderne High-End-Textilien wie Armacor oder Armalith kommen aber nah heran und bieten deutlich mehr Komfort bei schlechtem Wetter.
2. Kann ich meine Membran-Jacke einfach in der Waschmaschine waschen?
Ja, unbedingt! Schmutz und Schweiß verstopfen die Poren der Membran und verschlechtern den RET-Wert. Nutze Spezialwaschmittel, keinen Weichspüler, und halte dich an das Etikett. Ein kurzer Gang im Trockner (bei niedriger Hitze) reaktiviert oft die wasserabweisende Imprägnierung des Außenstoffs.
3. Warum schwitze ich in meiner „wasserdichten & atmungsaktiven“ Jacke trotzdem?
Das liegt meist an einem zu hohen RET-Wert. Wenn die Membran den Wasserdampf (Schweiß) nicht schnell genug rauslässt, kondensiert er innen. Du wirst also nicht von außen nass, sondern von innen. Achte beim Kauf auf Werte unter RET 13.
4. Sind Motorradjeans wirklich sicher für die Autobahn?
Nur wenn sie aus Materialien wie Armalith oder Dyneema bestehen oder großflächig mit Aramid (Kevlar) verstärkt sind. Eine normale „Fashion-Jeans“ ist bei einem Sturz mit 100 km/h nach weniger als einer Sekunde durchgescheuert.
5. Was ist der Unterschied zwischen Level 1 und Level 2 Protektoren?
Das ist eine Frage der Restkraft: Level 2 Protektoren dämpfen den Schlag deutlich stärker als Level 1. Im Falle eines Aufpralls kommt bei Level 2 weniger Energie an deinem Knochen an. Sie sind meist etwas dicker, aber für die Sicherheit immer die bessere Wahl.
6. Reicht eine Wassersäule von 10.000 mm aus?
Für kurze Schauer ja. Wenn du aber bei 120 km/h auf der Autobahn fährst, drückt der Fahrtwind das Wasser mit hohem Druck gegen den Stoff. Premium-Hersteller setzen daher auf 28.000 mm, um auch bei Dauerregen absolut dicht zu bleiben.
7. Was bringt mir „Outlast“ in der Jacke?
Outlast ist keine Heizung, sondern ein Puffer. Es speichert überschüssige Körperwärme und gibt sie wieder ab, wenn es kühler wird. Es sorgt dafür, dass du dich in einem breiteren Temperaturbereich wohlfühlst, ohne ständig das Futter wechseln zu müssen.
8. Warum sind Handschuhe mit „SuperFabric“ so teuer?
SuperFabric besteht aus winzigen, harten Keramik-Plättchen. Wenn du stürzt und dich mit den Händen abfängst, verhindert es das „Einhaken“ auf dem Asphalt und schützt vor extremem Abrieb. Es kann den Unterschied zwischen einer Prellung und einer Fleischwunde am Handballen machen.
9. Was ist ein „Laminat“ bei Motorradkleidung?
Beim Laminat ist die wasserdichte Membran direkt mit dem Außenstoff verklebt.
Der Vorteil: Die Jacke saugt sich nicht mit Wasser voll, wird nicht schwer und trocknet viel schneller. Bei günstigeren „Z-Liner“-Jacken saugt sich der Außenstoff voll und du kühlst durch die Verdunstung massiv aus.
10. Warum ist Aramid (Kevlar) so oft in Motorradkleidung?
Aramid ist extrem hitzebeständig. Das ist wichtig, weil bei einem Sturz durch die Reibung auf dem Asphalt Temperaturen von über 200°C entstehen können. Billige Kunststoffe würden schmelzen und sich mit deiner Haut verbinden – Aramid bleibt stabil.
11. Was bewirkt die Silber-Beschichtung (X-Static) im Helm?
Echtes Silber wirkt antibakteriell. Da man im Helm unweigerlich schwitzt, verhindert X-Static, dass sich Bakterien vermehren.
Das Ergebnis: Dein Helm fängt auch nach einer langen Tour nicht an zu stinken.
12. Wie finde ich heraus, ob mein Protektor noch gut ist?
Protektoren aus viskoelastischem Schaum (SAS-TEC oder D3O) können altern oder bei extremer Kälte spröde werden. Wenn sie sich hart anfühlen oder nach dem Eindrücken nicht mehr in ihre Form zurückkehren, solltest du sie austauschen (meist nach ca. 5–7 Jahren).
13. Verliert meine Ausrüstung durch Sonne (UV-Licht) an Schutz?
Ja, besonders Aramid-Fasern sind UV-empfindlich. Deshalb ist Aramid meist unter einem Außenstoff verbaut. Wenn deine Jacke sehr stark ausgeblichen ist, kann das ein Zeichen dafür sein, dass auch die Fasern darunter gelitten haben.
14. Was ist „CoolMax“ und brauche ich das?
CoolMax ist ideal für heiße Sommertage. Die Fasern leiten Schweiß extrem schnell von der Haut weg. Als Funktionsunterwäsche unter der Lederkombi verhindert es, dass das Leder an dir klebt und verbessert dein Körperklima massiv.
15. Was ist der Vorteil von „Sas-Tec“ gegenüber Hartplastik?
Hartplastik leitet die Energie oft nur weiter. Sas-Tec absorbiert sie. Zudem ist es im normalen Fahrbetrieb weich und passt sich deiner Körperform an. Erst beim Aufprall wird es hart. Das bedeutet: Mehr Sicherheit bei deutlich höherem Tragekomfort.
Fazit: Der beste Schutz nützt Dir nichts, wenn Du ihn nicht trägst, weil er unbequem ist. Dank High-Tech-Materialien wie Dyneema, Outlast und modernen Membranen gibt es heute keine Ausreden mehr. Investiere lieber einmal in AAA-Qualität – Deine Haut wird es Dir danken.
Wir sehen uns auf der Straße!

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit Motorrädern, ihrer Technik und allen Themen rund um Sicherheit, Wartung und Ausrüstung. Mein Ziel ist es, praxisnahe Informationen verständlich aufzubereiten, Risiken realistisch einzuschätzen und gängige Mythen sachlich einzuordnen.
Alle Inhalte auf moto-guide.com basieren auf fundierter Recherche, technischer Einordnung und meiner Erfahrung im Umgang mit Motorrädern. Ich möchte Fahrern helfen, informierte Entscheidungen zu treffen und ihr Motorrad sicher und bewusst zu nutzen.







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