Beim Motorrad gibt es nur wenige feste Regeln im Gesetz. Das meiste ist Fahrtechnik: bewährte Empfehlungen von ADAC, Fahrsicherheitstrainings und Herstellern. In dieser Lektion steht deshalb immer dabei, ob etwas Gesetz oder Empfehlung ist.
Was das Gesetz vorgibt
Vier Regeln solltest du sicher kennen:
- Helm: Wer ein Kraftrad führt oder darauf mitfährt, muss während der Fahrt einen geeigneten Schutzhelm tragen (§ 21a Abs. 2 StVO).
- Sozius: Personen dürfen nicht auf Krafträdern ohne besonderen Sitz mitgenommen werden (§ 21 Abs. 1 StVO).
- Ladung: Sie muss so gesichert sein, dass sie auch bei Vollbremsung oder Ausweichen nicht verrutscht oder herabfällt (§ 22 Abs. 1 StVO).
- Rechtsfahrgebot: Es ist möglichst weit rechts zu fahren, auch in Kurven (§ 2 Abs. 2 StVO).
Merke: Das meiste Weitere in dieser Lektion ist Fahrtechnik-Empfehlung. Sie ist keine Rechtsvorschrift, hilft dir aber, Unfälle zu vermeiden.
Sitzposition und Körperhaltung
Das ADAC-Training beschreibt die fahraktive Haltung so: Fußballen auf die Rasten, Knie am Tank, gerader und entspannter Rücken, Arme leicht angewinkelt und locker. Verkrampfte Arme übertragen jede Unruhe auf den Lenker. Wer entspannt sitzt, reagiert schneller.
Kurventechnik
Blick
Der Blick führt das Motorrad: Wohin du schaust, dorthin fährst du. Schau weit voraus Richtung Kurvenausgang und halte die Augen waagerecht. Der ADAC empfiehlt, den Blick vom Einlenkpunkt über den Scheitelpunkt zum Kurvenausgang und weiter zum Straßenverlauf zu führen.
Linie und Bremsen
Schließe das Bremsen vor dem Einlenken ab. Starke Bremsungen bis tief in die Kurve hinein vermeidest du. Bremst du in Schräglage schlagartig vorn, richtet sich das Motorrad heftig auf und verlässt die Linie. Muss man in der Kurve doch bremsen, dann sanft und ohne Schlag.
Gesetzlich gilt das Rechtsfahrgebot: Es ist möglichst weit rechts zu fahren, auch in Kurven (§ 2 Abs. 2 StVO). Der ADAC empfiehlt, die Linie in deinem Fahrstreifen möglichst rechts zu wählen, vor allem in Linkskurven. Vor Rechtskurven rückst du allenfalls innerhalb deines Fahrstreifens etwas nach links, um besser einzusehen. Die Fahrstreifengrenze und die Gegenfahrbahn berührst du nie. Die Rennlinie bleibt eine ADAC-Empfehlung. Bei unübersichtlichen Kurven gilt das Rechtshalten.
Die Rechtsprechung sieht das Rechtsfahrgebot als nicht starr an. Das Oberlandesgericht München hat 2023 in einem Hinweisbeschluss (24 U 587/23 e) darauf abgestellt, dass es auf Örtlichkeit, Fahrbahn, Geschwindigkeit, Sicht und Gegenverkehr ankommt. Als Richtwert gilt dort etwa ein halber Meter Abstand zur Mittellinie. Das ist ein Richtwert der Rechtsprechung und kein Wert aus dem Gesetz. In einer unübersichtlichen Kurve gehört das Motorrad deutlich nach rechts. Wer die Mittellinie berührt oder überfährt, muss bei einem Unfall mit einer Mithaftung rechnen.
Lenkimpuls
Ab etwa 30 km/h kippst du das Motorrad mit einem kurzen Impuls: rechts drücken heißt rechts fahren. Das wird oft Gegenlenken genannt. Je nach Maschine und Lenkerbreite braucht ein schneller Schräglagenwechsel einen entschlossenen Impuls.
Merke: Erst bremsen, dann einlenken, dann mit Blick zum Kurvenausgang ruhig durch die Kurve.
Bremstechnik
Beim Bremsen wandert die Last nach vorn. Die Vorderradbremse leistet deshalb den Hauptteil, ein blockierendes Hinterrad bringt wenig Verzögerung und macht die Maschine instabil.
Für die Gefahrbremsung gilt als Handlungsmuster: Kupplung ziehen, vorn zügig und dosiert bremsen, hinten dazunehmen. Den Bremshebel ziehst du anfangs gefühlvoll, dann zügig, nie schlagartig.
Seit dem 1. Januar 2017 müssen alle neu zugelassenen Motorräder der Klasse L3e mit verbesserten Bremssystemen ausgerüstet sein, neue Typen schon seit 2016 (Verordnung (EU) Nr. 168/2013, Anhang IV und VIII). Über 125 cm³ oder 11 kW ist ABS Pflicht. Bei Leichtkrafträdern bis 125 cm³, 11 kW und 0,1 kW/kg darf der Hersteller zwischen ABS und Kombibremssystem wählen. Enduro- und Trial-Motorräder sind ausgenommen. Ob ein bestimmtes Motorrad ABS hat, prüfst du an der Maschine selbst.
Ein Kurven-ABS arbeitet auch in Schräglage und hilft, dass sich das Motorrad beim Bremsen nicht aufrichtet und die Fahrlinie verlässt, solange man im Rahmen der physikalischen Grenzen bleibt. Es hebt die Grenzen des Reifengrips nicht auf. Trotzdem rät der ADAC, die Bremstechnik wie ohne ABS zu üben, weil nicht jedes System ein abhebendes Hinterrad erkennt.
Nässe, Laub, Markierungen und Wind
Bei Nässe sinkt der Grip deutlich. Fahre runder, bremse feinfühliger und schließe Bremsungen vor dem Einlenken ab. Besonders rutschig sind Bitumenstreifen, weiße Markierungen, Kanaldeckel, Metallplatten, Sand und nasses Laub. Überfahre solche Stellen möglichst in stumpfem Winkel und ohne zu bremsen oder Gas zu geben. Kalter Asphalt vermindert den Grip der Reifen deutlich.
Bei Seitenwind auf Brücken, in Schneisen oder an Küsten reduzierst du das Tempo vorsorglich.
Gruppenfahren
Die StVO kennt keine Sonderregel für Krafträder zum Nebeneinanderfahren. Ausdrücklich erlaubt ist es nur Fahrrädern (§ 2 Abs. 4 StVO). Auch in der Gruppe bleibt jeder Fahrer ein einzelner Verkehrsteilnehmer. Nach dem ADAC (Stand 01.04.2026) wird versetzt gefahren, wann immer Strecke und Verkehr es zulassen. In Kurven und an unübersichtlichen Stellen fährt die Gruppe hintereinander. Jeder hält seinen eigenen Sicherheitsabstand und bleibt für sich verantwortlich. Die Reihenfolge bleibt während der Tour gleich. Auch in der Gruppe gilt für jeden der Mindestabstand: Du musst hinter dem Vorausfahrenden anhalten können, wenn er plötzlich bremst (§ 4 Abs. 1 StVO). Lass dich nicht zu einem Tempo drängen, das nicht deinem Können entspricht.
Soziusbetrieb und Beladung
Mit Sozius und Gepäck wird das Motorrad unhandlicher, das Vorderrad hebt beim Beschleunigen leichter ab und die Schräglagenfreiheit kann sinken. Passe Hinterradfederung und Reifendruck nach der Betriebsanleitung an. Schwere Teile gehören nach unten und nah an den Schwerpunkt, eher in den Tankrucksack als ins Topcase. Nichts hängt an Lenker oder Gabel, das kann Lenkerflattern auslösen.
Die Zuladung ist begrenzt: Fahrer, Sozius, Kleidung und Gepäck zusammen dürfen das zulässige Gesamtgewicht nicht überschreiten. Das steht in den Fahrzeugpapieren und in der Betriebsanleitung, dort stehen auch die Höchstlasten für Koffer, Topcase und Tankrucksack. Stelle bei Beladung auch den Scheinwerfer nach.
Langsamfahren, Wenden und Berg
Beim Langsamfahren und Wenden hältst du das Gas leicht erhöht, die Kupplung am Schleifpunkt und stabilisierst mit der Hinterradbremse. Die Vorderradbremse meidest du in Schräglage. Bei Motorrädern mit Kombibremse oder integralem ABS wirkt die Fußbremse teils auch auf das Vorderrad. Lies in der Betriebsanleitung nach und übe zuerst auf leerem Platz. Bergab schaltest du früh herunter und nutzt die Motorbremse, damit die Bremsen nicht überhitzen.
Häufige Fehler
- Zu spät und zu hart bremsen, bis in die Kurve hinein
- Blick direkt vor das Vorderrad statt weit voraus
- Verkrampfte Arme und Oberkörper am Lenker
- Mit ABS blind vertrauen und die Bremstechnik nicht üben
- Auf Markierungen und Kanaldeckeln bei Nässe bremsen oder in Schräglage fahren
- In der Gruppe schneller fahren, als es das eigene Können erlaubt
- Beladung ungesichert oder zu hoch, ohne Federung und Reifendruck anzupassen