Wie Du als Fahrer oder Beifahrer richtig auf das Motorrad aufsteigst
Das dumpfe Grollen des Motors, der Geruch von Freiheit in der Luft und die Vorfreude auf die nächste Passstraße: Motorradfahren ist eines der emotionalsten Hobbys der Welt. Doch wenn aus dem Solisten ein Duo wird, ändert sich die Dynamik grundlegend. Viele unterschätzen den entscheidenden Moment, in dem die Reise beginnt: das richtige Aufsteigen.
In diesem umfassenden 1.200-Wörter-Ratgeber erfährst du alles, was du wissen musst, um als Fahrer und Beifahrer (Sozius) eine Einheit zu bilden. Wir klären die Physik des Fahrwerks, die Psychologie des Vertrauens und die Profi-Tricks für jede Motorradkategorie
Inhalt dieser Anleitung
Die Psychologie des Vertrauens: Die unsichtbare Verbindung
Wer hinten aufsteigt, gibt die Kontrolle ab. Wer vorne lenkt, übernimmt die Verantwortung für ein zweites Leben. Der Moment des Aufsteigens ist die erste physische Interaktion dieser Symbiose. Ein unsicherer Stand des Fahrers oder ein hektischer Aufstieg des Beifahrers führt sofort zu einer Ausschüttung von Adrenalin, aber der negativen Sorte.
Erfahrene Instruktoren wissen: Wenn der Beifahrer sich nicht sicher fühlt, verkrampft er in der ersten Kurve. Dies stört die Gewichtsverteilung und macht das Motorrad unhandlich. Ein souveräner Aufstieg signalisiert: „Ich habe uns im Griff. Wir sind sicher.“ Kommunikation ist hier das A und O.
Technik-Check: Das Fahrwerk für das Zusatzgewicht rüsten
Ein Motorrad ist ein fein ausgestattetes System. Ein Sozius verschiebt den Schwerpunkt massiv nach hinten und oben. Ohne technische Anpassung riskierst du ein gefährliches Fahrverhalten.
Die Geometrie verstehen
Wenn das Heck durch das Gewicht des Sozius zu tief einsinkt, vergrößert sich der Nachlauf der Gabel. Das Motorrad wird unhandlich, reagiert träge auf Lenkbefehle und neigt in Schräglage zum Untersteuern – es „will nicht in die Kurve“.
- Federvorspannung (Preload): Erhöhe die Vorspannung am hinteren Federbein. Das hebt das Heck wieder auf das Niveau des Solobetriebs. Ziel ist es, den Federweg für die Dämpfung freizuhalten, anstatt ihn schon im Stand zu verbrauchen.
- Reifendruck (Sicherheitsrelevant): Die Walkarbeit des Reifens nimmt bei Beladung zu, was zu extremer Hitzeentwicklung führen kann. Erhöhe den Druck hinten auf den Maximalwert (meist 2,9 bar).
- Dämpfung: Falls dein Fahrwerk einstellbar ist, erhöhe die Zugstufe. Das verhindert, dass das Motorrad nach Bodenwellen wie ein Flummi nachschwingt.
Die Rolle des Fahrers: Der Fels in der Brandung
- Untergrund-Check: Stehe niemals auf abschüssigem Gelände oder losem Rollsplitt zum Aufsteigen bereit.
- Der Stand: Deine Füße sollten weit gespreizt und flach auf dem Boden stehen. Knicke die Knie nicht ein, sondern halte sie stabil.
- Vorderbremse: Ziehe die Bremse fest an. Das blockiert das Motorrad gegen Vor- und Zurückrollen, was besonders wichtig ist, wenn der Beifahrer über die Fußraste aufsteigt.
- Das Kommando: Gib ein klares Zeichen. Ein Kopfnicken reicht oft nicht aus, wenn der Beifahrer den Helm schon aufhat. Ein lautes „Bereit!“ ist sicherer.
Die Rolle des Beifahrers: Der perfekte Aufstieg
Der Beifahrer sollte sich wie ein Teil der Maschine bewegen. Das Ziel ist es, den Schwerpunkt des Motorrads so wenig wie möglich seitlich zu verschieben.
Schritt-für-Schritt Anleitung:
- Linksseitiger Aufstieg: Gehe immer von der linken Seite ans Bike.
- Fixierung: Lege die linke Hand auf die Schulter des Fahrers. Drücke dich nach oben, anstatt dich am Fahrer festzuhalten und ihn zu dir zu ziehen.
- Die Fußraste als Stufe: Setze den linken Fußballen auf die Raste. Drücke dich senkrecht nach oben. Dein Körper sollte während des Aufsteigens so nah wie möglich am Motorrad bleiben.
- Beinschwung: Schwinge das rechte Bein weit über das Heck. Achte auf montierte Koffer oder Gepäckrollen.
- Sanftes Absetzen: Setze dich ruhig hin. Ein heftiges „Plumpsen“ kann den Fahrer aus dem Gleichgewicht bringen.
Sonderfälle: Reiseenduros und hohes Gepäck
Bei einer vollgepackten Reiseenduro (z.B. BMW GS mit Alukoffern) ist der normale Beinschwung unmöglich. Hier muss der Beifahrer „klettern“. In diesem Fall steht der Beifahrer mit vollem Gewicht auf der linken Raste, während das Motorrad noch auf dem Seitenständer steht oder vom Fahrer mit maximaler Kraft gehalten wird. Diese Methode belastet das Material (Seitenständeraufnahme) und erfordert vom Fahrer absolute Konzentration, da das Bike beim Aufsteigen einen Ruck nach links macht.
Harmonie während der Fahrt: Blick und Balance
Sobald die Fahrt beginnt, ist die Blicktechnik des Beifahrers entscheidend für die Sicherheit.
Die Spiegelbild-Regel: Der Beifahrer sollte niemals versuchen, aktiv mitzulenken oder (noch schlimmer) gegen die Schräglage zu drücken. Schau dem Fahrer einfach über die kurveninnere Schulter. Geht es nach rechts, schaust du rechts am Helm des Fahrers vorbei. So nimmst du automatisch die korrekte Neigung ein, ohne darüber nachdenken zu müssen.
Helm-Kontakt vermeiden: Nichts irritiert den Fahrer mehr als „Helm-Billard“. Als Beifahrer solltest du beim Bremsen deine Rumpfmuskulatur anspannen oder dich mit einer Hand am Tank abstützen, um nicht gegen den Fahrer zu rutschen.
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Gemeinsam zum Horizont
Motorradfahren zu zweit verlangt Vertrauen, Technik und Vorbereitung. Wenn du diese Tipps beherzigst, wird aus einer unsicheren Fahrt eine fließende Bewegung. Es gibt kaum etwas Schöneres als die Freiheit auf zwei Rädern mit einem geliebten Menschen zu teilen – vorausgesetzt, man beherrscht das Handwerk.
Bereite dein Bike vor, sprich mit deinem Partner und genieße jede Kurve.

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit Motorrädern, ihrer Technik und allen Themen rund um Sicherheit, Wartung und Ausrüstung. Mein Ziel ist es, praxisnahe Informationen verständlich aufzubereiten, Risiken realistisch einzuschätzen und gängige Mythen sachlich einzuordnen.
Alle Inhalte auf moto-guide.com basieren auf fundierter Recherche, technischer Einordnung und meiner Erfahrung im Umgang mit Motorrädern. Ich möchte Fahrern helfen, informierte Entscheidungen zu treffen und ihr Motorrad sicher und bewusst zu nutzen.




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